AZ-Filmkritik "Trautmann": Ein deutscher Held ohne Waffen

David Kross spielt "Traut the Kraut". Foto: Square One / Fox

Liebes-, Versöhnungs- und Fußballgeschichte: "Trautmann" von Marcus H. Rosenmüller bewegt trotz mancher Schwächen.

 

Nachdem das letzte Spiel von Torwart Bert Trautmann 1964 abgepfiffen wurde, bauten die Fans von Manchester City die Tore ab. Nie wieder sollte ein Mensch zwischen denselben Pfosten stehen wie er. Tiefere Verehrung, tiefere Fanliebe ist nicht denkbar. Und das Interessante daran ist: Trautmann ist als Feind nach England gekommen. Als deutscher Kriegsgefangener.

Der 1923 in Bremen geborene Fußballer war Fallschirmjäger in Hitlers Wehrmacht, wenige Wochen vor Kriegsende nahmen ihn die Engländer gefangen, bis 1948 blieb er in einem Lager in Nordengland. Als er entlassen wurde, kehrte er nicht nach Deutschland zurück, sondern spielte bei dem unterklassigen Verein St. Helens. Dort entdeckten ihn Scouts von Manchester City und verpflichteten ihn, zum Entsetzen der Fans: Die wollten in ihrem Team keinen der "Krauts" haben, die kurz zuvor noch ihre Familien und Freunde töteten und ihr Land bombardierten.

Trautmanns Heldengeschichte: Finale mit gebrochenem Genick

Doch Bernhard Trautmann, den sie hier Bert nannten, gewann durch seine überragenden Leistungen und seine sympathische Art Respekt und Liebe der Fans. Und zwar schon lange vor dem legendären FA Cup-Finale im Wembley Stadion 1956: Da spielte er die letzten zwanzig Minuten mit gebrochenem Genick – Auswechslungen waren noch nicht erlaubt – und hielt so den Sieg fest. Der geliebte Deutsche trug einiges zu Völkerverständigung und Aussöhnung bei. Aber in Deutschland ist seine Heldengeschichte wenig bekannt, weil er nie in der Nationalmannschaft spielte. Denn Trainer Sepp Herberger berief keine Spieler, die nicht im "Vaterland" spielten. So konnte das Filmpotenzial dieser großartigen Geschichte lange übersehen werden.

Entdeckt hat sie der Münchner Filmproduzent Robert Marciniak. Er konzipierte das Projekt vernünftigerweise für den deutschen und englischen Markt, sammelte 11 Millionen Euro für eine internationale Koproduktion und engagierte als Regisseur Marcus H. Rosenmüller. Und was sie gemeinsam auf die Beine gestellt haben, ist aller Ehren wert – auch den Bayerischen Filmpreis, den Marciniak schon vor dem Kinostart erhalten hat.

An den Drehorten in Nordirland und in einem Hinterhof im Glockenbachviertel ist ein sehenswertes Nachkriegs-England erschaffen worden: ein durch den Krieg verarmtes Land, dessen Menschen Laune und Lebenslust dennoch nicht verloren haben.

Die Figuren haben englischen Mutterwitz und raubeinigen Charme, allen voran Jack Friar (John Henshaw), der Trainer des Provinzklubs St. Helens, der Trautmann in einem sehr humanen Gefangenenlager beim Wettschießen entdeckt und für sein abstiegsgefährdetes Team ausleiht – hier und an weiteren Stellen ist die Geschichte aus dramaturgischen Gründen verändert worden.

Trautmann gewinnt die Teamkollegen schnell für sich

Der Trainer fordert "Traut the Kraut" (David Kross) auf, bei seiner ersten Begegnung mit den Mitspielern eine Kriegsverletzung vorzutäuschen und stumm zu bleiben, aber der immer geradlinige Trautmann redet sofort mit deutschem Akzent los. Die Teamkameraden gewinnt er dennoch schnell für sich, bei der so hübschen wie herben Tochter des Trainers, Margaret (Freya Mavor), dauert es etwas länger. "Glaubst Du, mit ein bisschen Fußball ist alles vergessen?", herrscht sie ihn an. "Auch der Krieg?" Sie hätte schließlich ihre Jugend in Luftschutzkellern statt beim Tanzen verbracht. "Ich hätte lieber mit Dir getanzt, als zu kämpfen", schnauzt er zurück, halb Rechtfertigung, halb Anmache. Und die verfängt: "Trautmann" ist auch ein schöner Liebesfilm.

Rosenmüller stellt die Hürden der Völkerverständigung plausibel dar, erzählt dennoch in angenehm leichtem Ton. Der Film ist warmherzig, unterhaltsam, mitunter rührend, und die 50er-Jahre-Fußballszenen sehen blendend aus, auch im riesigen Wembley-Stadion, in dem Trautmann trotz Genickbruchs durchhält. Das ist zwar der Höhe-, nicht aber der Schlusspunkt des Films.

Kurz nach dem Finale durchlitt Trautmann eine private Tragödie. Auch davon erzählt der Film am Ende. Doch das mag sich nicht mehr so recht in den Erzählfluss einfügen, wirkt wie angehängt. Auch der Konflikt mit einem ehemaligen Offizier des Gefangenlagers und ein symbolhaft verdichteter Rückblick auf Trautmanns Zeit im Weltkrieg erscheinen etwas überkonstruiert. Doch trotz dieser Schwächen ist "Trautmann" ein gelungener Film – und nicht nur für Fußballfans sehenswert.


Kino: Cinemaxx, Solln, Mathäser, Royal.

Regie: Louis Clichy, Alex Astier (F, 86 Min)

 

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