AZ-Filmkritik "The Salesman": Stolz und Selbstjustiz

, aktualisiert am 02.02.2017 - 12:00 Uhr
Rana (Taraneh Alidoosti) und Emad (Shahab Hosseini). Foto: Prokino Filmverleih GmbH

"The Salesman" ist ein starkes Drama über eine Gesellschaft, die an ihrer Sprachlosigkeit leidet.

In "The Salesman" schickt der iranische Regisseur Asghar Farhadi den Lehrer Emad (Shahab Hosseini) und seine Frau Rana (Taraneh Alidoosti) in eine Hölle aus Schuld, Sühne, verletztem Stolz und befremdlichen Eigenheiten der iranischen Gesellschaft. Eine Laieninszenierung von Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden" ist der Rahmen für "The Salesman": Hier wie da kollidieren eine an der Oberfläche heile Scheinwelt mit der Wirklichkeit, brechen Konflikte auf, die in den Figuren schlummern.

Unerträglische Spannung in einem dramatischen Finale

Für Rana und Emad geht es nach dem Beinahe-Einsturz ihres Hauses in eine Übergangswohnung, die ihnen ein Freund anbietet. Allerdings hat die Vormieterin nicht nur ihre Möbel dort gelassen, sondern auch ihre Vergangenheit. Sie pflegte offenbar Umgang mit mehreren Männern. Dass sie eine Prostituierte war, wird nicht ausgesprochen.

Eines Abends findet Emad seine Frau blutend und schwer traumatisiert im Badezimmer. Der Zuschauer geht von einer Vergewaltigung aus. Aufgeklärt wird das nie, genauso wenig darüber geredet. In kunstvoller Beiläufigkeit geht Farhadi mit einer Gesellschaft ins Gericht, die sich in moralischen Fragen harte Urteile erlaubt, aber sprachlos bleibt. Anzeige zu erstatten und die Polizei ermitteln zu lassen, kommt nicht in Frage.

Vergewaltigte Frauen sind nicht nur Opfer eines Gewaltverbrechens, sondern auch der Schande, die ihnen aufgezwungen wird. Emad redet mit Rana nicht darüber, was passiert ist, sondern nur darüber, wie er den Täter finden und bestrafen will. Aus dem netten, kumpelhaften Lehrer wird ein düsterer Rächer, der sich weniger um das Befinden seiner Frau kümmert, sondern seine persönliche Genugtuung sucht. Die Schande ist einfach unerträglich, die Distanz zwischen den Liebenden wird größer.

Asghar Farhadi schafft es einmal mehr, in einem Beziehungsdrama eine unerträgliche Spannung zu erzeugen. Die ergibt sich aus den inneren Konflikten und den komplexen Entwicklungen, die seine Figuren durchmachen. Farhadi verschachtelt die Handlung kunstvoll und beobachtet seine Figuren in einer anspruchsvollen Inszenierung aus verschiedenen Perspektiven: Die Kamera findet durch Türen und Fenster immer wieder neue Blickwinkel auf innere Paarangelegenheiten und die Welt da draußen. Denn wie Emad und Rana stecken auch Nachbarn und Freunde in einem moralischen Dilemma.

Der Täter, den Emad ausfindig macht, entpuppt sich schließlich als armselige Kreatur. Von Männlichkeit ist bei dem Mann jedenfalls keine Spur mehr. Emad, der längst blind ist in seiner inneren Dunkelheit, kennt trotzdem keine Gnade in dem dramatischen Finale, in einem mit Ruhe und Bedacht geführten letzten Paukenschlag, in dem, wie bei Arthur Miller, alle Lebenslügen implodieren.


R: Asghar Farhadi (Iran/Frankreich, 123 Minuten)

Kinos: ABC, Arena, ARRI, City, Neues Maxim, Theatiner

 

0 Kommentare