AZ-Filmkritik The Revenant: Im Fleischwolf der Geschichte

Wer diesen Film gesehen hat, glaubt Leonardo DiCaprio, dass er für den Dreh wirklich mit einem Bären gekämpft haben will. Foto: Fox

Weit mehr als Western und Abenteuerfilm: „The Revenant – Der Rückkehrer“ von Alejandro Gonzáles Iñárritu ist hart, faszinierend und wahr.

 

Das Pferd macht panisch gehetzt einen letzten Sprung, strauchelt, kracht mit seinem Reiter in eine kalte Schlucht. Eine Tanne fängt Hugh Glass im Sturz noch etwas ab, das Pferd landet mit gebrochenem Genick tot auf dem gefrorenen Boden. Zerschunden, noch halb bewusstlos robbt Glass näher. Der Pferdekadaver wird die einzige Chance sein, die eisige Nacht zu überleben. Total erschöpft weidet er ihn aus und schlüpft im einsetzenden Schneesturm in diese blutige Tierhöhle.

„The Revenant – der Rückkehrer“ ist ein derart physischer Film, dass man es sich zweieinhalb Stunden im Sessel nicht bequem machen kann. Und im warmen Kinosaal scheint einem die Kälte in die Knochen zu kriechen.

 

Der amerikanische Gründungsmythos wird zerstört

Aber the „Revenant“ ist weit mehr als ein Western. Vordergründig wird die Geschichte des Trappers Hugh Glass erzählt: ein Abenteurer, der 1810 eine Gruppe anführt, die tief ins Indianerland eingedrungen, Pelze erjagen. Schon nach wenigen unheimlichen Minuten erlebt man einen Indianerangriff, der so intensiv nah und wild abgefilmt ist, dass man sich an die Normandie-Landungsszene aus Spielbergs „Saving Privat Ryan“ erinnert fühlt, nur dass hier Vorderlader-Gewehrkugeln und Pfeile durch die Luft und ins Flusswasser zischen.

Die Expedition wird abgebrochen, eine kleine Gruppe will sich unter Führung von Glass über den Landweg in die Zivilisation zurück durchschlagen, als Glass auf eine Grizzlybärin mit Jungen trifft, die ihn zerfetzt und zerstampft. Mit seinem überwältigenden und rücksichtslosen Extremeinsatz wird Leonardo DiCaprio zurecht wieder Oscar-gehandelt. Auch diese Szene wird man in ihrem unfassbaren Realismus nicht vergessen.

Und bald schon stellt sich die Frage: Wieviel hält ein Mensch aus, und wofür? Der reine Überlebenstrieb reicht hier nicht mehr als Begründung. Antrieb für Glass’ Rückkehrwillen ist Rache für den Mord an seinem Halbblutsohn. Das alles klingt blutig, hart – und ist es auch. Aber der Hollywood-Mexikaner Alejandro Gonzáles Iñárritu („Birdman“, „Babel“, „Amores Perros“), der für „Revenant“ auch das Drehbuch schrieb, hat hier das klassische Western-Genre zertrümmert.

Denn am Ende laufen beide Motive – Rückkehr und Rache – in selbstzerstörerische, nihilistische Leere. Hugh Glass – den es wirklich gegeben hat, ohne dass man allzuviel über ihn weiß – ist kein Held, sondern ein zäher Wolf. Und provokant wird im klassisch amerikanischen Selbstbespiegelungs-Genre, dem Western, auch Amerika ein Spiegel vorgehalten, der ein fürchterliches, grausam wahres Bild zurückwirft.

Denn in „The Revenant“ erlebt man die Geburt der USA als Nation nicht aufgrund des Mythos’ von Freiheit, Gerechtigkeit und Gott, sondern aus Habgier, Gewalt und Wertelosigkeit. Als es ein anderes Expeditionsmitglied fast verhungert zu einem Fort zurück schafft, bekommt er dort Essen nur gegen Geld. Vor dem Tor der Baracken stehen Zelte entwurzelter Indianer wie in einem Slum. Sie sind nicht mehr die zivilisationsgefährdenden Wilden (wie zum Beispiel in John Fords „Stagecoach“ von 1939), auch die Zeit der ökologischen Romantisierung mit „edlen Wilden“ (wie Costners „Der mit dem Wolf tanzt“ von 1990) ist vorbei.

In „The Revenant“ sind sie Getriebene. Wenn ein Indianerdorf gezeigt wird, dann brennend, abgefackelt und geschändet – meist, aber nicht immer von Weißen, die hier auch in ihrem unbeirrbaren Rassismus gezeigt werden. So ist „The Revenant“ ein beinharter, klar erzählter, dabei fantastisch intelligenter (Anti)-Western und Abenteuerfilm. Am Ende ist man auch als Zuschauer wie durch einen Fleischwolf gedreht, aber man hat einen ganz großen Kinofilm erlebt.


Kino: Cadillac, Monopol, Cinemaxx, Gabriel, Solln, Mnch. Freiheit, Mathäser, City (auch OmU) sowie Museum, Cinema (OV) B&R: Alejandro Gonzales. Iñárritu (USA, 153 Min)

 

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