AZ-Filmkritik "Shape of Water" - Unheimlich menschlich

Beide oscar-nominiert: Sally Hawkins ("Beste Hauptdarstellerin") als Elisa und Richard Jenkins ("Bester Nebendarsteller") als ihr verständnisvoller Nachbar, der für sie die Gebärdensprache gelernt hat. Foto: Fox

Monsterfilm, Märchen, Spionage-Thriller, Fantasy – und romantische Komödie: Guillermo del Toros Meisterwerk "Shape of Water".

 

Natürlich erinnert alles auch an "Amélie" – mit einer sympathischen, einsamen Frau, die sich in einer Fabelwelt einrichtet. Das verspielt-märchenhafte Ambiente ist hier vor allem die Wohnung der stummen Putzfrau (Sally Hawkins), die über einem Art-Deco-Kino liegt. Ihr Mansardenwohnungsnachbar ist ein ebenfalls einsamer, distinguierter Grafiker.

Im klassischen Hollywood-Kino müssten natürlich diese beiden Außenseiter zusammenkommen. Aber hier bleiben sie nur beste Freunde, weil er homosexuell ist, was in den frühen 60ern noch zu einem Leben im Verborgenen zwingt. Aber das ist nur ein elegant eingeflochtenes Randthema im 13-fach oscar-nominierten Film von Guillermo del Toro, darunter auch "bester Film" und "beste Regie".

Romantisch, bizarr erotisch und unverkitscht erzählt der Mexikaner dramatisch schön die klassische Geschichte von "Die Schöne und das Biest": hier einer Putzfrau in einem US-Militärgeheimlabor der Kalten-Kriegs-Zeit. Sie arbeitet nachts und verliebt sich hier in einen zu Forschungszwecken eingekerkerten schuppigen Fabelwesen-Wassermann. An ihm werden Menschen-Tierversuche angestellt, so dass Eliza zu einer Art Tatortreinigerin wird. Sie verliebt sich in diese geschundene, entwurzelte Kreatur, die – wie sie – aus Zeit und Raum gefallen wirkt. Sie baut sensibel und empathisch eine Liebensbeziehung zu dem fremden Wesen auf, will ihn befreien und wird in einen Spionagekrimi verwickelt, in dem der KGB eigene Ziele verfolgt.

Die US-Gesellschaft kommt schlecht weg

Gegen den Strich gebürstet kommt in "Shape of Water" die US-Gesellschaft schlecht weg – zugespitzt in der Figur des militärischen Sicherheits-Chefs (Michael Shannon), der brutal, rassistisch und machistisch ist, während der KGB-Spion durchaus menschliche und idealistische Züge trägt.

Überhaupt gelingt Guillermo del Toro ein wunderbarer Kunstfilm, der nie verkünstelt oder überintellektuell ist. Vielmehr baut sich für den Zuschauer ein filmisches Meisterwerk auf, das man – je nach Lust, Interesse und Laune – jedenfalls als romantische Komödie sehen kann, darüber hinaus aber auch als Monsterfilm, Märchen, Spionage-Thriller und Fantasy. Aber noch darüber hinaus gibt es eben subtile Zusatzebenen: von der expressionistischen Labor-Ästhetik, der nächtlichen Noir-Film-Verlorenheit, einer gesellschaftlichen Männer-Dämmerung bis hin zur ökologischen Frage, wie wir mit anderen Lebewesen, der Natur und mit zwangsweise entwurzelten Menschen umgehen – alles verkörpert in dem fremd-unheimlichen und doch anziehenden Wassermann. Mit ihm wird Elisa auch guten Sex haben – natürlich in ihrer Badewanne, in der sie vorher nur traumverloren masturbierte.

Ob sowas die Altersfreigabe 16 erfordert hat? Letztlich nicht, weil der Film zwar ungezwungen, aber nie irritierend oder vordergründig mit der Erotik umgeht. Und was die wissenschaftlichen Versuche am Wassermann anbelangt: die Darstellung der menschlichen Grausamkeit wird nicht überspannt. Überhaupt ist "Shape of Water" ernst und doch verspielt zugleich.

Und wer Kino auch als märchenhafte Traummaschine anerkennt, die hier eben auch noch intelligent Menschlichkeit, Außenseitertum und Ökologie thematisiert, bekommt mit "Shape of Water" einen besonderen, einen wunderbaren Film.


Kino: Cinemaxx, Mathäser sowie City, Monopol, Leopold (auch OmU) und Cinema, Museum (OV); Regie: Guillermo del Toro (USA, 123 Min.)

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