AZ-Filmkritik "Score - Eine Geschichte der Filmmusik" - Wie Sex und Schokolade

Produzent Quincy Jones. Foto: NFP

Der Dokumentarfilm "Score - Eine Geschichte der Filmmusik" ist sehens- und hörenswert.

 

Kaum zu glauben, aber die Filmmusik entstand vor allem aus pragmatischen Gründen. Um in der Stummfilmära das Rattern des Projektors zu übertönen, spielten Pianisten live vor Publikum vorab komponierte Stücke oder improvisierten aus dem Seh-Moment heraus.

Bunt und doch bescheiden wirken die Kinoorgeln von Wurlitzer in ihrer Tastenverspieltheit im Kontrast zur heutigen Technik, zu den Tonstudios mit ihren diversen Mischpulten, dem Arsenal an Instrumenten, den Orchestern und Chören, die in dem Dokumentarfilm "Score – Eine Geschichte der Filmmusik" ebenfalls zu sehen sind.

Musik ist die "Seele des Films"

Mittlerweile gilt Musik als "die Seele des Films", so formuliert es "Titanic"-Mastermind James Cameron, der am Ende eine schöne Anekdote über seinen 2015 verstorbenen Komponisten James Horner zu erzählen hat. Horner ist dieser Film auch gewidmet. Als eine Art von Therapie bezeichnet Cameron die Arbeit des Komponisten, der im Kontakt mit dem Regisseur herausfinden muss, was dieser mit einer Geschichte eigentlich sagen will.

Die Musik soll die Aufmerksamkeit des Zuschauers weniger einfangen als Emotionen unterschwellig manipulieren. So ist das Komponieren fürs Kino eine ständige Übung in Subtilität, die nur in Ausnahmen zu einem großen hörbaren Auftritt führen darf.

Wie Steven Spielbergs Stammkomponist John Williams beim Finale von "E.T." mit Fanfaren vom Triumph des Heimfliegens, durch plötzliche Reduktion der Instrumentierung aber auch von der Traurigkeit des Abschieds erzählt, veranschaulicht Regisseur Matt Schrader in kurzer Analyse, genauso wie er mit Hilfe von Experten die biografischen Hintergründe der Komponisten, ihre Handschriften und manche Jobabgründe präzise skizziert.

Angst vorm Ideenmangel

Selbst Hans Zimmer erzählt da vom Horror des leeren Notenblatts und der Angst, dass die Ideen ausgehen könnten. Und Trevor Rabin zeigt die druckmachende Countdown-Uhr, die ihm Produzent Jerry Bruckheimer für "Armageddon" schenkte. Die Zeit tickt im Filmgeschäft, und doch konnte sich der Experimentiergeist in historischen Sprüngen entfalten. Max Steiner hob 1933 "King Kong" mit erstmalig großem Einsatz des Orchesters auf ein höheres dramatisches Level. Alex North impfte der Filmmusik mit seiner Komposition für "Endstation Sehnsucht" (1951) den Jazz ein.

Die Revolutionen in der Musik schwappten stets in die Kinosäle über: Als in den 1970ern mit Synthesizern experimentiert wurde, mischten sich auch in die Filmmusik elektronische Töne. Vorreiter war Hans Zimmer, dem man vielleicht auch vorwerfen kann, den Actionfilm für immer zum filmmusikalischen Terrain für martialischen Bombast versaut zu haben.

Der Film würdigt eine selten beachtete Kunst

Fern von solcher möglicher Kritik gibt sich der Film als Würdigung einer eher selten beachteten Kunst und konzentriert sich auf richtungsweisende Experimente von Musikern, die teils keine gelernten Filmkomponisten sind, deren innovativer Sound aber das Interesse von Regisseuren weckte. So wurde Trent Reznor von den Nine Inch Nails mit dem Briten Atticus Ross zu einem Team kombiniert, das für "The Social Network" den introspektiven, 2010 mit dem Oscar prämierten Soundtrack komponierte.

Eine Psychologin erklärt, dass schöne Töne ähnlich wie Sex und Schokolade das Belohnungszentrum im Gehirn anregen. Diverse Glücksmomente hat auch diese Doku parat, besonders für Filmmusikfans. Legenden wie Jerry Goldsmith sowie neuere Helden wie Thomas Newman kommen zu Wort oder sprechen durch ihre Musik. Dass er sich im Gespräch zurückhalte, meint Hans Zimmer. In seinen Kompositionen aber offenbare er sich völlig. So lassen die Klänge das Publikum nicht nur zur emotionalen Essenz eines Films vordringen, sondern auch zum Kern jener, die sie erdacht haben.


Kinos: Monopol, Solln und City (OmU) / Regie: Matt Schrader (USA, 93 Min.)

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