AZ-Filmkritik "Remember": Du musst Dich endlich erinnern!

Christopher Plummer (re.) als Zev, der Rudi Kurlander sucht, einen ehemaligen SS-Mann, der für den Tod seiner Familie verantwortlich ist und dem er vor 70 Jahren selbst ausgesetzt war. Aber ist dieser Mann vor ihm (Bruno Ganz) wirklich der, den er meint? Foto: Tiberius Film

Zum Schluss der überraschendste Schuss: „Remember“ ist ein Geschichts-Thriller und tragikomischer Krimi von Atom Egoyan.

 

Man kennt den Abwehrreflex an sich selbst! Wenn man eine Zusammenfassung liest wie „...macht sich der Auschwitzüberlebende auf die Suche nach den Mördern...“, denkt man: Nicht schon wieder!

Bravo- und Buh-Gewitter bei Pressevorführung

Doch diesmal ist wirklich alles anders: So anders, dass nach der Pressevorführung von „Remember“ bei den internationalen Filmfestspielen in Venedig am Ende nach einigen Schrecksekunden ein Bravo- und Buh-Gewitter ausbrach. Und man merkte einmal mehr, welche starken Emotionen ein solches Thema nach 70 Jahren in aller Welt immer noch auslösen kann.

Anderthalb Stunden lang erleben wir den 85-jährigen Christopher Plummer als Zev Gutmann auf einem Road-Trip, um dem Mörder seiner Familie zu richten. Ein ein Freund aus dem gemeinsamen jüdischen Seniorenheim in New York hat ihn losgeschickt. Ein Rache-Versprechen steht im Raum, dass nur jetzt noch eingelöst werden kann. Denn alle sind schon uralt, sofern sie überhaupt noch leben – Täter und überlebende Opfer.

Freund Max hat den Namen, unter dem der ehemalige Auschwitz-SS-Mann Rudi Kurlander unerkannt in den USA leben soll, herausgefunden. Zev zieht widerwillig los, und der Weg beginnt tragikomisch: wenn der alte, pazifistische Mann unbeholfen in einen US-Waffenladen geht, um die Tatwaffe zu kaufen, oder wenn er dem ersten potenziellen „Rudi Kurlander“ die Pistole an die Brust drückt und sich ein makaberes Missverständnis gerade noch rechtzeitig auflöst.

Die vier Stationen von Zev sind eine Reise durch mehrere Welten: eine zeigt die verkorkste Psyche des rassistischen Amerikas heute. Die Hauptreise führt in die Nachkriegs-Vergangenheit mit deren Wunsch eines Neuanfangs, sei es als untergetauchter Täter oder vergessen wollendes Opfer.

In der Konfrontation mit der Vergangenheit wird auch die Frage verhandelt, wie viel Deutschtum die Nachkriegsauswanderer mitnahmen: So fragt Zev einen ehemals in KZ Verschleppten: „Als Überlebender – wie kann man da Wagner lieben?“ Und bekommt die Antwort: „Wie kann man Musik hassen?

Solche in den Krimi eingestreuten Auseinandersetzungen sind die intelligente Würze des Films. Am Ende sind wirklich drei Nazis tot, davon ein Neonazi und zwei, von denen man es nie erwartet hätte.

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"Remember" - ein fantastischer Erinnerungskrimi

So ist dem armenisch-stämmigen kanadischen Regisseur Atom Egoyan („Das süße Jenseits“, „Ararat“) mit „Remember“ ein fantastischer Erinnerungskrimi gelungen. Das Täter-Opfer-Schema ist hier am Ende irritierend und unfassbar ausgehebelt. Dabei wird aber die moralische Linie zwischen Auschwitz-Verschleppten und SS niemals verwischt. Aber Egoyan hat ein Grundprinzip verletzt: Dass man sich im Kino grundsätzlich darauf verlassen will, wer gut und wer böse ist.

Aber genau so begibt man sich als Zuschauer in eine spannende, psychologische Konstruktion. Der lässige, hochernste Krimi selbst ist dabei klar linear, spannend und sogar mit Witz erzählt. Was bei diesem Hammer-Thema befreiend ist.


Kino: Arena sowie Museum (OV) | R: Atom Egoyan (D/Kan, 95 Min.)

 

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