AZ-Filmkritik Mord ist, wenn man trotzdem lacht

Auf dem Rummelplatz intellektueller Eitelkeit: Emma Stone und Joaquin Phoenix als „Irrational Man“ vor einem Glücksrad! Foto: Warner

„Irrational Man“: Woody Allens Krimikomödie entlarvt intellektuelle Arroganz mit mörderischem Witz. Es ist wieder ein typischer Allen-Film, makaber, aber humorvoll auf hohem Niveau.

 

Amüsement ist bei Woody Allen immer klug gewürzt. Aber das Fantastische ist: Egal ob man die Anspielungen alle durchschaut, es bleibt witzig, auch wenn die Geschichte ganz schön makaber ist. Man muss also weder Kierkegaard noch Sartre gelesen haben, um in „Irrational Man“ lachen zu können – auf hohem Niveau.

Ein Philosophie-Professor in der Midlife-Crisis

Joaquin Phoenix spielt einen Philosophie-Professor, der gerade an eine US-Ostküsten-Uni berufen worden ist. Ihm eilt ein Querdenker- und Frauen-Flachleger-Image voraus. Was die linksliberalen, letztlich aber spießigen Bildungsbürger dort nicht wussten: Professor Abe Lucas ist schon am Ende, als er ausgebrannt und voll alkoholisiert auf dem Campus ankommt.

Als nihilistischer, narzisstischer Realist in der Mid-Life-Crisis ist er von allem enttäuscht: den Studenten (naiv), Kollegen (allenfalls nette Sesselfurzer, er aber war im Irak Journalist), dem Leben (sinnlos), der Liebe (er ist psychosomatisch impotent) und der Welt (schlecht statt gerecht). Kurzum: Er ist eine typische Woody-Allen-Figur.

Spontaner Mord lässt Lucas aufblühen

Natürlich verliebt sich eine beflissene Studentin (Emma Stone) mit Helfersyndrom in Lucas, gerade, weil er so ein zynisch abweisender, dunkler Außenseitertyp ist – und auf eine platonische Beziehung besteht. Und dann kommt Woody Allens Dostojewski-Ironie ins Spiel: Lucas begeht einen Mord – einfach so, vor allem aber aus der Arroganz und fixen Idee des Intellektuellen heraus, dass er als Mann, der überlegen mitdenkt, das Recht habe, sich über die Mittelklasse-Moral zu erheben.

Eine Kriminalkomödie beginnt, die aber Dostojewskys Idee, dass ein Täter von seiner verbrecherischen Tat moralisch zermürbt würde, auf den Kopf stellt: Auf Schuld folgt nicht Sühne, sondern ein Aufblühen, eine Revitalisierung, mit der wir sympathisieren.

Also Verbrechen ohne Strafe? Nein, weil es das perfekte Verbrechen nicht gibt. Auch ein wunderbarer Topos, um den Woody Allen gern kreist.

Ein typischer Woody Allen

In vielen Szenen läuft dieser insgesamt intelligent-nette Film zu Allen’scher Höchstform auf – wie in der Unterrichtsstunde, wo Kant von Abe Lucas als „philosophischer Bullshit“ entlarvt wird: Seine Forderung, immer der vollen Wahrheit verpflichtet zu sein, hebelt er eiskalt aus: „Stellen Sie sich vor, Nazis klopfen an Anne Franks Haus an und fragen, ob sie hier wohnt.“

Oder eine völlig überdrehte Szene, in der der betrunkene Prof auf einer Studentenparty anfängt, Russisch-Roulette zu spielen: mit drei Kugeln in den sechs Revolverkammern. Er quittiert das lakonisch mit dem Satz: „Fünfzig zu fünfzig. Das ist eine größere Chance als viele in ihrem Leben haben.“

Hier ist sie wieder, diese Allen’sche Balance aus Wahrheit und Witz, Realismus und Groteske, die im Falle von „Irrational Man“ nicht die Schärfe hat wie zum Beispiel in „Match Point“, ein Woody-Krimi, der ebenfalls um den perfekten, befreienden Mord kreist. Aber Joaquin Phoenix spielt wunderbar versackt, was schon die Blues- statt der gewohnten Swingmusik im Vorspann ankündigt. Und Emma Stone gibt den klugen Allen-Sätzen glaubwürdige Frische.

 

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