AZ-Filmkritik Modernste Technik: Ready Player One

In der virtuellen Ersatzwelt: Art3mis (gesprochen von Olivia Cooke) und Parzival (gesprochen von Tye Sheridan). Foto: Warner Bros.

Steven Spielberg verfilmt in "Ready Player One" mit modernster Technik einen etwas altmodischen Kinotraum.

 

Spätestens seit 1993 wissen wir: zwei Cineasten-Seelen wohnen, ach! in Steven Spielbergs Brust. Denn auch wenn der Starregisseur bereits früher zwischen Blockbuster-Kino ("Der weiße Hai") und anspruchsvollem Drama ("Die Farbe Lila") changierte, gelang ihm in diesem Schlüsseljahr das schier Unmögliche: Die Tricktechnik mit "Jurassic Park" zu revolutionieren, und die Auseinandersetzung mit dem Holocaust dank "Schindlers Liste" einem breiten Kinopublikum zu ermöglichen. Zuletzt neigte Spielberg dazu, seine Regiekünste ins rein anspruchsvolle Fach ("Lincoln", "Die Verlegerin") zu verlegen. Altersgemäß, würden jetzt so manche Spötter einwerfen. Mit dem Science-Fiction-Spektakel "Ready Player One" beweist der 71-Jährige aber das Gegenteil. Dank perfektionierter 3D-Technik, halsbrecherischem Schnittrhythmus und zu 75 Prozent künstlich computeranimierten Bildern wirkt der Film wie von einem hyperaktiven 25-jährigen Videoclipregisseur inszeniert.

Und dennoch ist die 175 Millionen Dollar teure Adaption von Ernest Clines literarischer Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten und Gefahren virtueller Welten ein typischer Spielberg, und mehr noch: sein persönlichster Film seit langem. Hastig führt uns der 18-jährige Erzähler Wade (Tye Sheridan) in die Welt im Jahre 2045 ein. Dank Wirtschaftskrise und Klimakollaps ist die Erde lebensfeindlich geworden, der Graben zwischen Arm und Reich tiefer denn je, und als Wolkenkratzer der Zukunft türmen sich nun gestapelte Wohnwägen bis in den grauen Himmel.

Der Film wirkt wie von einem hyperaktiven Videoclipregisseur inszeniert

Einziger Ausweg aus dieser tristen Existenz scheint die Oasis zu sein. Eine virtuelle Welt, in der dank VR-Brille jeder sein darf, was er will, selbst eine künstliche Währung und ein Raum- und Arbeitsplatz sparendes Schulsystem existiert. Wade, in der Wirklichkeit ein perspektivloser, von der Tante gegängelter Niemand, ist hier der King. Ein genialer Zocker, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, das versteckte Spiele-Testament des verstorbenen Oasis-Schöpfers Halliday (Mark Rylance) zu vollstrecken – und damit nicht nur Milliardär zu werden, sondern auch die Oasis zu kontrollieren.

Warum Spielberg sich für diesen süßen Honig für Spiele-Nerds interessiert, erklärt sich aus der Leidenschaft von Halliday, einer sozial verkrüppelten Version von Steve Jobs. Dieser Halliday wird in Ernest Clines Vorlage als Fan der 80er Jahre Popkultur charakterisiert – und damit auch als glühender Spielberg-Anhänger. Der geschmeichelte Regisseur macht sich in der Verfilmung einen Spaß daraus, nahezu jede Sequenz in der Oasis mit Anspielungen auf seine Lieblingsfilme (und sein eigenes Werk) zu schmücken. In der ersten halsbrecherischen Auto-Verfolgungsjagd steigt Wade, der in der virtuellen Welt als Parzival bekannt ist, in einen DeLorean (aus "Zurück in die Zukunft") ein, während er unterwegs von King Kong und einem Tyrannosaurus angegriffen wird. Höhepunkt dieser Cineasten-Nostalgie ist eine umwerfend detailgenau inszenierte Szene, die im Overlook-Hotel aus "The Shining" spielt. Eine liebevolle Hommage von Spielberg an seinen verstorbenen Freund Stanley Kubrick, die so im Buch gar nicht vorkommt.

Es bleibt fraglich, ob der Film das Zeug hat, zum Klassiker zu werden

Trotzdem bleibt es fraglich, ob dieser wilde Zitate-Ritt auch das Zeug hat, selbst mal als Klassiker zu gelten. Denn Spielberg will es trotz aller visuellen Wucht nicht ganz gelingen, die Spannung bis zum überlangen Showdown hochzuhalten. Auch haben seine Figuren weit weniger Konturen als die Welt, in der sie sich bewegen. So bleibt der böse Konzernchef, der die Marke Oasis wirtschaftlich ausschlachten will, eine holzschnittartige Karikatur, wirkt die Liebesgeschichte von Parzival zur coolen Art3mis mehr behauptet als gefühlt. Letztlich scheitert Spielberg hier an sich selbst, denn es gelingt ihm nicht, die Aussage des Buchs, dass auch die Realität mit ihren nicht perfekten Spielern seinen Reiz hat, dem Zuschauer nahe zu bringen.

Zu verlockend erscheint dafür in "Ready Player One" seine virtuelle Welt – oder, um es in Spielbergs eigenen Worten zu sagen: "Virtual Reality ist eine Superdroge ... Zumindest wird sie es eines Tages werden."


Kino: Cinemaxx (auch 3D), Gloria (3D, auch OV), Mathäser (auch OV, 3D), Cinema (OV, 3D), Royal (auch 3D) Münchner Freiheit (OmU auch 3 D), Museum (OV) R: Steven Spielberg (USA, 140 Min.)

 

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