AZ-Filmkritik "Mary Shelley": Frankensteins Mutter

Das Grab ihrer Mutter ist Marys (Elle Fanning) Zufluchtsort. Foto: Prokino

Die Regisseurin Haifaa Al-Mansour zeigt in "Mary Shelley", wie eine Frau sich in der Männerwelt behaupten muss.

 

Keusch und moralisch rein sollten sie sein, die Frauen im England des Jahres 1814. Wegen eines Mannes von zu Hause weglaufen und mit ihm zusammenleben, dazu gehörte riesiger Mut. Und den bewies die damals erst 16-jährige Mary Goodwin, als sie sich Hals über Kopf in den verführerischen und romantischen Poeten Percy Bysshe Shelley verliebte und es sogar in Kauf nahm, dass er verheiratet und Vater war.

Bei einem Aufenthalt der beiden in der Sommerresidenz des exzentrischen Lord Byron (Tom Sturridge) am Genfer See zwei Jahre später, kommt es aus Langeweile und wegen des schlechten Wetters zu einem Wettbewerb der besten Gruselgeschichten und Mary gewinnt gegen die Herren, Geburtsstunde ihres berühmten "Frankenstein".

Mary Shelley: Ihrer Zeit weit voraus

Im März 1818 erschien das Werk anonym, für eine Frau geziemte sich so eine Science-Fiction-Story nicht. Erst später nach der Heirat mit Percy wurde der Roman unter ihrem Namen Mary Shelley veröffentlicht. Die Autorin war ihrer Zeit weit voraus. Das melancholische Monster gilt als anrührendes Spiegelbild ihrer seelischen Verwundungen, qualvollen Einsamkeit und bohrenden Enttäuschungen.

Denn was nach der ersten Leidenschaft folgte, kollidierte mit Marys Mädchenträumen, der Freigeist und seine Ideen von einer offenen Beziehung verstörte und verletzte sie.

Heldinnen in der Welt der Männer

Es verwundert, dass sich ausgerechnet Haifaa Al-Mansour ("Das Mädchen Wadjda") an dieses Thema wagt.

Aber ihre Heldinnen müssen sich gegen männliche Vorurteile und Druck einer frauenfeindlichen Gesellschaft wehren, für ein selbst bestimmtes Leben kämpfen: Mary im England des 19. und Wadjda im Saudi-Arabien des 21. Jahrhundert. Beiden nähert sich die bisher erste und einzige Regisseurin aus dem Wüsten- und Ölstaat unter bewusst feministischem Aspekt.

Ein verdientes filmisches Denkmal

Zwischen Kostümepos, Soap-Opera und bewegendem, wenn auch konventionell inszeniertem Biopic findet sie eine Balance, bei der manchmal die Lust an Kitsch und Herzschmerz mit ihr durchgeht. Aber eine Unschuld und Unbekümmertheit ausstrahlende Elle Fanning in ihrer souveränen Beherrschung der Klaviatur der Gefühle und Douglas Booth als perfekte Mischung aus zärtlichem Liebhaber und egoistischem Lebemann bügeln das locker aus.

Die meisten kennen den Klassiker "Frankenstein", in dem sich die Grenzen zwischen Gut und Böse verwischen, und die Verfilmungen, weniger die Urheberin. Die erhält endlich das verdiente filmische Denkmal. Ironie der Geschichte: Der immense Erfolg der ersten Auflage brachte Mary Shelley nach Abzug der Produktionskosten nur ganz 28 Pfund ein.


Kino: Leopold, Museum Lichtspiele (OV), Regie: Haifaa Al-Mansour (GB, 120 Minuten)

 

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