AZ-Filmkritik "Licht": Unsichtbar wie die Seele

Resi (Maria Dragus) führt mit dem Arzt Mesmer (Dewid Striesow) vor, dass sie nicht mehr blind ist. Foto: Christian Schulz

Über Psychologie in vorpsychologischer Zeit: "Licht" ist ein ganz eigener, großartiger Film. Die AZ-Filmkritik.

"Na, schön ist sie nicht", tuschelt grausam die Gräfin. "Aber spielen, kann’s halt!", meint halb gelangweilt die Nachbarin hinter ihrem Fächer. Am Hammerklavier sitzt Maria Theresia – nicht die Kaiserin, sondern Maria Theresia Paradis, ein vorpubertäres Wunderkind, das als Salonzirkusnummer herumgereicht wird von ihren ehrgeizigen Eltern. Was Resis spielerische Kunst in den Augen der dünkelhaften Wiener Gesellschaft noch vermehrt: Sie ist blind! Ihre Augen sind verdreht, nicht nur wenn sie verzückt am Klavier sitzt.

Im Film "Licht" von Barbara Albert wird "Resi" Paradis – wie wirklich 1777 geschehen – auf Franz Anton Mesmer (Dewid Striesow) stoßen, einen Arzt, der um akademische Anerkennung seiner magnetischen Heilmethode kämpft. Er spricht von einem Fluidum. Als man süffisant anmerkt, dass es aber leider unsichtbar, geruchslos und ohne Gewicht sei, springt eine Frau ihm bei mit der Gegenfrage an den Skeptiker: "Glauben sie an die Seele?" Denn auch sie sei doch nicht zu fassen.

Und das ist einer der Schlüssel für Mesmers Erfolg in der vorpsychologischen Rokokozeit: Mesmer lässt die Frau – nach den erfolglosen Quecksilbertinkturen, Elektroschocks und Blutegeln sowie beißenden Augentropfen seiner akademischen Kollegen – die Perücke abnehmen, das Mieder aufschnüren, bildet einen Patientenkreis, legt die Hand auf. Und schon wird klar: Es sind psychosomatische Erfolge, die er durch Aura, Natürlichkeit und persönliche Nähe in einer berührungsfeindlichen Korsett-Zeit erzielt – auch mit Musik auf seiner sphärisch klingenden Glasharmonika.

"Am Klavier bin ich ein General! Da fühle ich mich sicher!", sagt Resi und er erkennt, dass ihr Satz "Wer nicht sehen kann, wird nicht gesehen" der Schlüssel zu einer Heilung sein könnte: Sie will vor allem gesehen werden! Er schenkt ihr Aufmerksamkeit und in einem musikalischen Ping-Pong-Duett am Spinett kommt sogar die Erotik einer erwachenden Frau ins Spiel.

"Licht": Film verkommt nicht zum aufgehübschten Kostümfest

Resis Augen parallelisieren sich, sie beginnt Sachen wahrzunehmen und wird erneut zur Zirkusnummer – diesmal zur medizinischen. Und neu sehend ist sie erfrischend unverbildet. Gefragt, was ihr jetzt auffalle und anders sei, als sie sich vorgestellt habe: "Die meisten Nasen passen nicht zum Gesicht."

"Licht" nach dem Roman "Am Anfang war die Nacht Musik" von Alissa Walser ist reich an Anregungen nachzudenken: über Esoterik und Medizin, Erotik und gesellschaftliche Zwänge, Klassengegensätze und Kunst, über das Verhältnis von Eitelkeit und Talent, über die Verantwortung, die aus großem Können erwächst, und über die Frage nach Freiheit.

Was "Licht" zusätzlich zu einem Genuss macht, ist der Umgang mit Sprache: Es wird Wienerisch gesprochen, fein abgestuft zwischen Zofe, Bürgertum und Adel, der mit französischen Einsprengseln diskret den Klassenunterschied markiert, aber letztlich hemmungslos ordinärer ist, als die Bediensteten, die in ihrer Gottesfürchtigkeit mehr die Mutter Gottes im Mund führen als elegant getarnte Giftigkeiten.

Befreiend wirkt auch, dass die Mozartzeit hier nicht zum steril aufgehübschten Kostümfest verkommt. "Licht" bringt Licht auch in die dunklen Ecken des Spätabsolutismus, den kurze Zeit später die französischen Revolution durchschütteln wird.


Kino: Atelier, R: Barbara Albert (D/A, 97 Min.)

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