AZ-Filmkritik "Ich bin dann mal weg" mit Devid Striesow

Entertainer Hape (Devid Striesow) in einer Szene des Films "Ich bin dann mal weg". Foto: Warner Bros.

Kann man eine literarische Pilgerreise zu sich selbst verfilmen? Ja! „Ich bin dann mal weg“ zeigt den Weg

 

„Dieser Pilgerweg ist das Verrückteste und das Vernünftigste gleichzeitig, was ich in meinem Leben unternommen habe“, erinnert sich Hape Kerkeling, dessen Erfahrungen auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela sich in seinem titelgebenden Buch „Ich bin dann mal weg“ seit 2006 fünf Millionen Mal verkauften.

Wer seine persönlichen und philosophischen Einlassungen liebt, kommt auch bei der filmischen Selbstfindung nicht zu kurz. Vor allem wegen Devid Striesow in einer Traumrolle. Der sieht Kerkeling mit ein paar angefutterten Kilos nicht nur zum Verwechseln ähnlich, sondern trifft auch dessen Ton, Mimik und Gestik, ohne in simple Imitation zu verfallen, weil er ihn eben in sehr privaten Momenten als nicht öffentliche Figur spielt. Das Abenteuer vom Suchen und Ankommen inszeniert Julia von Heinz („Hannas Reise“) manchmal urkomisch und (selbst)ironisch, dann wieder sehr emotional und mit spirituellen Anklängen.

Alles beginnt mit dem Burn Out des Entertainers, der von Couch-Surfing und Katzenstreicheln in der verordneten Auszeit bald die Nase voll hat und sich spontan aufmacht, von Frankreich aus ganze 782 Kilometer bis zum Ziel zu überwinden. Nicht immer per Pedes, sondern auch mal per Anhalter oder im Bus. Dicker Nebel, strömender Regen, Blasen an den Füßen, überfüllte Herbergen, verwanzte Betten – ein Wellness-Urlaub ist „El Camino“ wirklich nicht, und mehr als einmal möchte der 36-Jährige alles hinschmeißen.

Zwei Pilgerinnen kreuzen immer wieder seinen Weg

Aber zwei selbstbewusste, ständig seinen Weg kreuzende Pilgerinnen kitzeln seinen Ehrgeiz, halten ihn dennoch auf Distanz: Martina Gedeck als Frau, die das Leben nach dem Tod ihrer Tochter zurückerobern will, und Karoline Schuch als zickige Journalistin mit flotten Sprüchen. Zwar fühlt sich der Wanderer trotz Wein und Flucht in komfortable Hotels oft verdammt einsam, stellt aber irgendwann stolz fest: „Ich komme auch allein klar.“

Die amüsante Reise einer bewussten Entschleunigung führt nicht nur durch satte Landschaften, sondern auch in verborgene Tiefen der Seele, bleibt dabei trotz notwendiger Verknappung dem Geist der Vorlage treu und verzichtet auf dramatische Sperenzchen oder anbiedernden Klamauk. Famos formulierte Gedanken im Off, Rückblenden in Kindheit und Jugend mit Katharina Thalbach als Hapes bodenständiger „Omma“ aus dem Ruhrpott komplettieren das Bild eines Menschen auf Sinn- und Selbstsuche. Es muss ja nicht sofort die Erleuchtung folgen.  

Kino: Sendlinger Tor, Cinemaxx, Solln, Rio, Royal, Mathäser, Arri, Atelier, City, Leopold, R: Julia von Heinz (D, 92 Min).

 

0 Kommentare