AZ-Filmkritik "Herbert": Der schwerste Niederschlag

Sein ganzer Stolz: Herbert (Peter Kurth) will seinen Schützling Eddy (Edin Hasanovic) zu einem besseren Boxer machen, als er selbst je war. Foto: Wild Bunch Germany

Regisseur Thomas Stuber zeigt im Kinodrama „Herbert“ das ungeschönte Gesicht der Nervenkrankheit ALS.

Einst war Herbert ein gefeierter Profiboxer – doch die Tage, in denen der stämmige Mann (Peter Kurth) als „der Stolz von Leipzig“ im Ring stand, sind vorbei. Weil man jedoch nicht vom Ruhm vergangener Tage leben kann, verdient sich der 50-Jährige seinen Lebensunterhalt als Geldeintreiber und Türsteher. Aber die Boxszene ist immer noch Teil seines Lebens. So trainiert er auch das aufstrebende Boxtalent Eddy (Edin Hasanovic) oder hält sich selbst am Boxsack fit.

Als jedoch das Zittern in Herberts Händen beginnt, folgt die erschütternde Diagnose: Er leidet unter der Nervenkrankheit Amyotrophe Lateralsklerose – ALS. Jene Krankheit, die einen nach und nach die Kontrolle über den Körper verlieren lässt. Es ist ein Wendepunkt für den früheren Boxer, der sich selbst immer über seine physische Kraft, seine Muskeln und seine Erscheinung definiert hat.

Konfrontation mit der Thematik des körperlichen Verfalls

Er sieht sich mit dem eigenen Verfall konfrontiert und muss sich mit Themen wie Tod, Liebe und Familie auseinandersetzen. Es beginnt der fast verzweifelte Versuch, Absolution von seiner Freundin Marlene (Lina Wendle) und seiner Tochter (Lena Lauzemis), die er seit Jahren nicht gesehen hat, zu bekommen.

Knapp zwei Jahre nach der Ice Bucket Challenge, bei der sich Millionen Menschen einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf gossen, um auf ALS aufmerksam zu machen, zeigt Regisseur Thomas Stuber unverblümt das Gesicht der tödlichen Krankheit. Dabei ist „Herbert“ mehr als ein eindrucksvolles Spielfilmdebüt. Es ist deutsches „besonders wertvolles“ Kino.

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Das Leben im Leipziger Kiezmilieu

Struber führte zudem nicht nur Regie, sondern schrieb mit Autor Clemens Meyer auch das Drehbuch des bewegenden Dramas über das Leben im Leipziger Kiezmilieu – einer Welt zwischen Boxclubs, Kneipen und Plattenbauten mit Blümchentapete. Es gelingt ihnen dabei, einen Film zu zeigen, in dem nichts konstruiert wirkt. Geschichte und Darsteller sind glaubwürdig und dabei erschreckend nah an der Realität.

In einem großartigen Ensemble ist es vor allem Peter Kurth, dessen Leistung hervorsticht. Wie er die emotionale Wandlung und den fortschreitenden Verfall des einstigen Boxers darstellt, ist für den Zuschauer hart. Um die Rolle des ALS-kranken Boxers darstellen zu können, musste Kurt körperlich an seine Grenzen gehen: Er baute im Vorfeld der Dreharbeiten 16 Kilo Muskelmasse auf und hungerte diese während der Dreharbeiten ab, um Herberts Verfall darzustellen.

Fazit: Ein oscarreifes Filmereignis

Um diesen Prozess filmisch einzufangen, wurde der Film chronologisch gedreht, was auch das Schauspiel Kurths im Filmverlauf beeinflusst. Anfangs stark und selbstbestimmt, schränken sich seine Möglichkeiten immer weiter ein, bis es sich nahezu auf das Gesicht beschränkt. Als Herbert auch seine Stimme verliert, beschränkt sich Kurths Darstellung komplett auf seine Augen – und höchst emotional und packend. Kurth macht den Film zum Ereignis – einem eigentlich oscarreifen Filmereignis.


Kino: Monopol / B&R: Thomas Stuber (D, 109 Min.)

 

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