AZ-FIlmkritik "Grenzenlos": Die Macht der Liebe

Die Frischverliebten Danielle (Alicia Vikander) und James (James McAvoy) scheinen zu ahnen, dass ihnen nur wenig Zeit bleibt. Foto: Warner Bros

Wim Wenders' bildgewaltige Romanverfilmung "Grenzenlos".

Filme von Wim Wenders sind immer auch ein Fest der Ästhetik. Und so sagte "X-Man"-Blockbuster-Star James McAvoy auf die Frage, warum er in einem Film von Wim Wenders mitspiele, wo es doch keine Millionen zu verdienen gibt: Weil er so schöne Bilder entwirft. Aber Wenders kann natürlich mehr, denn er hat ein wunderbares Gespür dafür, wie Bilder unterbewusst sinntragend werden und aufeinander einwirken, sodass das Ergebnis mehr ist als nur die Summe der Schönheit.

"Submergence" heißt "Eintauchen", was auch psychisch gemeint sein kann, auch wenn es in dem Film, der deutsch einfallslos "Grenzenlos" heißt, viel um Wasser geht: Es ist die von Wenders verfilmte Romangeschichte von J. M. Ledgards, die von zwei sehr unterschiedlichen Weltenrettern erzählt.

Whiskey gegen Rotwein

Eine ist Alicia Vikander, hier als Mathematikerin und Meeresforscherin, die in Meeresuntiefen nach Bakterien sucht, die unsere globalen Kohlendioxid-Probleme lösen könnten. Und er, Ex-Soldat, ist jetzt Mitarbeiter des britischen Geheimdienstes MI6, der sich als Wasseringenieur ausgibt, um islamistische Terrorgruppen in Schwarzafrika auszuheben.

Bei einem Entspannungswochenende vor ihren gefährlichen Missionen begegnen sie sich und verlieben sich ineinander. Und als nach diesem einen Liebeswochenende am Atlantik der Kontakt abbricht, weil er sofort von Dschihadisten gefangen und gefoltert wird, ist es ein klassischer Film über die Kraft der Liebe. Ihn lässt sie durchhalten, sie aber - weil sie nichts mehr hört - ist verunsichert, verstört, was ihre Mission schwächt.

Das ist konventionell, auch was klassische Rollenmodelle anbelangt: Whiskey gegen Rotwein, harte Physis gegen Empfindsamkeit.

Stilisierung der Liebe als Ersatzreligion

Wenders lädt seine Bilder symbolisch auf: Die Meeresdunkelheit wird zur Totenwelt des Hades, wo Einsamkeit herrscht, wie in der Isolationsfolter. Der aufragende Betonkeil eines ehemaligen Weltkriegsbunkers in der Atlantikbrandung wird zum D-Day-Riff, an dem sich anfangs ihre Beziehung reibt - und immer wieder Wasser als Urstoff des Lebens- und Überlebens. Angenehmerweise verzichtet Wenders auf Ästhetisierungen in der Hölle der Gefangenschaft.

Was nehmen wir aus dem Film mit? Wir begegnen einem feingeistigen Arzt, der für die Islamisten arbeitet, wie einem westlichen Konvertiten, der der Mann fürs Grobe bei den Dschihadisten ist. Und McAvoy sagt auf die Frage, was er am Islamismus bewundere: "Ihr Glauben-Können", was vielleicht auch Wenders Faszination für Papst Franziskus als "Mann seines Wortes" erklärt.

Aber vertieft wird diese, uns Säkulare herausfordernde Verunsicherung nicht, außer mit der Stilisierung der Liebe als Ersatzreligion. So bleibt "Grenzenlos" ein Überlebens-Thriller zweier Liebender mit einer geistreichen, eleganten, spielerischen Annäherung, mit wunderschönen Liebesszenen und der Macht der Wenders'schen Bilder.


Kino: City, Münchner Freiheit, Museum Lichtspiele, Rio, Studio Isabella R: Wim Wenders (USA/D/E/F, 112 Min.)

 

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