AZ-Filmkritik "Gegen den Strom": Grün, grün, grün ist eine schöne Farbe

Getarnt als die Unschuld vom Lande gerät Hanna in eine Polizeikontrolle, die eine "Terroristin" sucht - sie. Aber als Blumenmädchen gelingt ihr es, weitergelassen zu werden: zunächst! Foto: Pandora

Der isländische Film "Gegen den Strom" ist ein witzig-geistreicher, auch politischer, aber vor allem bewegender Öko-Krimi.

 

Wenn das Wort Amazone fällt, denkt man an eine junge, kämpferische Frau – wie zum Beispiel Jennifer Lawrence in "Tribute von Panem". Auch Hanna ist eine. Auch wenn sie nicht mehr richtig jung ist, Isländerin und die Schauspielerin den für uns fast unaussprechlichen Namen Halldóra Geirharsdóttir trägt.

Aber Hanna hat sich einen modernen Hochleistungsbogen gekauft und schießt zwischen einsamen grünen Hügeln energisch und konzentriert einen Pfeil an einem Drahtseil über Hochspannungsleitungen an Großmasten: Funken, Kurzschluss – und die gesamte Gegend ist stromlos. Denn Hanna ist Umweltaktivistin, der immer nervöser werdende Staat, der versucht die Öko-Amazone zu enttarnen, nennt sie eine "Terroristin".

Regisseur Benedikt Erlingsson hat mit "Gegen den Strom" eine spannende Komödie geschaffen, die elegant viele Aspekte zusammenbringt: Es geht vordergründig um das selbstbestimmte Leben einer bürgerlichen Büroangestellten, die auch Chorleiterin ist, was Emotion in die Geschichte bringt und ansatzweise auf den schwedischen Erfolgsfilm "Wie im Himmel" anspielt, wo auch die verschiedensten Problem- und Liebeslinien in der Chorgemeinschaft zusammenlaufen.

Trickreich gegen die Tricks der Konzerne und die Regierung

Aber hinter dieser Fassade lauert der Ökoaktivismus – und damit die harte Realität. Denn Hanna kämpft gegen Stromkonzerne und die Klimakatastrophe an und ganz konkret gegen ein Aluminiumwerk, das – gegen jegliche internationalen Klimaprotokolle – in Island wirklich gebaut wurde. Der klassische "Einer rettet die Welt"-Film ist hier weder mit Süßlichkeit noch mit Feminismus, sondern ganz natürlich ins Weibliche gedreht.

Und hier kommt noch eine wichtige Geschichte des Films ins Spiel: Hanna hatte vor vielen Jahren einen Adoptionsantrag gestellt. Als sich nichts tat, fühlte sie sich bei vollem Risiko für niemanden verantwortlich als für sich und die Welt. Aber ausgerechnet als die Ermittler ihr immer näher kommen, kommt der Brief aus einem Kinderheim in der Ostukraine: "Ein Kriegswaisenkind..."

Einer muss es ja machen!

Es ist bei alledem angenehm, wie unaufdringlich in diesem Film all diese politischen Vernetzungen eingebaut sind – oft sehr humorvoll, wenn Hanna zum Beispiel die hysterisch zunehmenden Kameras und Überwachungsdrohnen, die sie ins Visier nehmen, wie lästige Insekten mit Pfeil und Bogen ausschaltet.

Und es gibt sogar skurrile surreale Szenen, wenn eine mit Hanna befreundetes, schräges Bandtrio ihr an den unmöglichsten Orten begegnet: in der Wildnis oder auf Hochhausdächern, von wo Hanna Sophie-Scholl-artig Aufklärungsflugblätter abwerfen will. Natürlich sympathisieren wir mit Hanna und hoffen auf das Gelingen ihrer Aktionen, auch wenn diese ins Kriminelle gehen. Denn ihr ansteckender Idealismus steht auf der richtigen – hier ökologischen Seite.

So ist "Gegen den Strom" vor allem ein witzig-spannender Krimi mit manchmal fast mythischen Bildern, oft sanft märchenhaft, aber letztlich real mit einer konkreten Heldinnenbotschaft: Einer muss es ja machen! Und daran schließt natürlich auch die unbequeme Frage an: Und was machst Du eigentlich?


Kino: Atelier, Solln sowie Monopol, Maxim (auch OmU), R: Benedikt Erlingsson (Island, 101 Min.)

 

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