AZ-Filmkritik Die großartige Doku „Diego Maradona“ von Asif Kapadia

Diego Maradona im Stadion von Neapel. Er wird dem Club die einzigen Meisterschaften der Geschichte bescheren. Foto: Alfredo Capozzi/DCM/dpa

Oscarpreisträger Asif Kapadia schildert in seiner bewegenden Doku, wie Maradona Neapel eroberte und dabei zerbrach

 

Wieviel Ruhm erträgt ein Mensch? Wieviel Heldenverehrung verkraftet ein Held, bevor er in die Knie geht? Als der 24-jährige Diego Maradona 1984 in Neapel ankam und in einem schäbigen Kleinwagen ins Stadion kutschiert wurde, erwarteten ihn bereits 85 000 Fans wie einen Messias. Sie jubelten ihm frenetisch zu, obwohl er nur „Guten Abend, Neapolitaner“ sagte und einen Ball in die Luft drosch.

Doch das war nur eine moderate Begrüßung, verglichen mit der quasi-religiösen Ekstase, die die Neapolitaner erfasste, als Maradona sie in den kommenden Jahren ins gelobte Land führte. Als der SSC Neapel 1987 erstmals italienischer Meister wurde, als sich die arme Stadt des Südens endlich über Turin, Mailand und alle Norditaliener erhob, die sie immer so verächtlich behandelt hatten: Da dauerten die Feiern zwei Monate lang. Ein beliebtes Lied begann damals mit der Zeile „Ich habe Maradona gesehen“: Doch der hier besungene Heilige erschien den Menschen nicht nur, er spielte auch wie kein zweiter. Selbst die Teamkollegen sangen nach dem entscheidenden Triumph in der Kabine das Lied aus voller Kehle. Und Diego Maradona? Sang mit.

Aufstieg und Fall

Wenn man diese Szene in Asif Kapadias großartigem Dokumentarfilm „Diego Maradona“ sieht, spürt man, wie unausweichlich der baldige Untergang dieses nicht allzu stabilen, aber übermäßig berühmten Mannes war. Dieser offenbar niemals endende Untergang ist über die Jahrzehnte bestens dokumentiert worden, zuletzt bei der WM 2018 in Russland, als Maradona mal wieder über die Tribüne taumelte. In Kapadias Film ist all das kaum zu sehen, der Londoner Regisseur beschränkt sich auf die entscheidenden Jahre in Neapel 1984 bis 1991: Das reicht, um von einem einmaligen Aufstieg und einem ebenso tiefen Fall zu erzählen.

Diese wunderbar konzentrierte, verdichtete Geschichte erinnert entfernt an die großen Gangster-Filme von Martin Scorsese, in denen Männer schnell aufsteigen und dann innerlich verbrennen und abstürzen. Und auch sonst liegt der Dokumentarfilm nicht immer weit davon entfernt. Bei der ersten, tumultartigen Pressekonferenz nach Maradonas Einzug in Neapel stellt ein Reporter die nahe liegende Frage: Weiß Maradona, was die Camorra ist, weiß er, dass das Geld der Camorra überall in Neapel ist? Vereinspräsident Corrado Ferlaino fordert den Reporter empört auf, den Saal zu verlassen.

Ein unglaublich naher Blick

Wie der damals teuerste Fußballer der Welt – für 12 Millionen Mark – in einer bettelarmen Stadt landen konnte, wird in dem Film nicht weiter vertieft. Aber die Mafia wird so oder so noch eine Rolle spielen. Regisseur Kapadia hat Maradona neun Stunden lang interviewt, doch seine tiefe und tiefmüde Stimme ist nur im Off zu hören. Denn Kapadia verwendet nur Original-Filmaufnahmen, wie schon in seinen Dokumentarfilmen über Formel-1-Fahrer Ayrton Senna und Amy Winehouse, die ihn berühmt machten. Bei Maradona konnte er aus 500 Stunden Material wählen, denn dessen Spielerberater hatte seinerzeit hellsichtig Kameramänner angeheuert, Maradona ständig zu filmen: vor, bei und nach den Spielen, zuhause und auf den ständigen Partys. Das grobkörnige Videomaterial versetzt den Zuschauer in die Atmosphäre der Achtziger – und bietet einen unglaublich nahen Blick auf den jungen Maradona.

Der führte den SSC Napoli zu zwei Meisterschaften, Pokalsieg sowie Uefa-Cup, und Argentinien 1986 quasi im Alleingang zur Weltmeisterschaft. Der Film zeigt viele Aufnahmen davon, auch die vier legendären Minuten des Viertelfinales gegen England. Da erschwindelte Maradona ein Handtor, das er nach dem Spiel der „Hand Gottes“ zuschreiben konnte: Die Apotheose hatte schon vier Minuten später stattgefunden, als er das komplette englische Team ausspielte und das Tor des Jahrhunderts schoss.

Flucht ins Partyleben

Mit dem heutigen Hochleistungs-Fußball lässt sich das allerdings kaum vergleichen. Die argentinischen Spieler konnten, wie der Film zeigt, während der WM auch fette Scheiben Rindfleisch essen, gegrillt von Maradonas Vater, dazu gab es Rotwein in großen Gläsern. Angesichts dieser entspannten Trainingslehre kam Maradona schließlich Ende der Achtziger mit einem ganz eigenen Rhythmus durch: Nach dem Spiel am Sonntag ging er feiern, und zwar bis Mittwoch. Dann nüchterte er bis zum Spiel am nächsten Sonntag aus.

Danach ging die Party wieder los. Nach dem Spiel war eben nach dem Spiel. Der Mann, der ärmsten Verhältnissen in den Slums Argentiniens entkommen war, feierte so seinen Erfolg. Aber, und das macht der Film eindringlich klar, er entfloh so auch der immer erdrückenderen Liebe der neapolitanischen Fans. Die belagerten ihn, wo immer er auftauchte – und anders als heutige Fußballstars wurde er kaum abgeschirmt. Bei seiner Flucht ins Partyleben setzte Maradona auf die falschen Freunde: Carmine Giuliano etwa, Chef des Camorra-Clans. Der sonnte sich in Maradonas Glanz und versorgte ihn im Gegenzug mit Prostituierten und Kokain. Auf dem Platz reichte es für den schon etwas dicklichen Maradona bis Anfang der Neunziger immer noch. Daneben entglitten ihm die Zügel mehr und mehr, das Kokain übernahm die Kontrolle.

Und dann, der tragische Höhepunkt des Films, schlug auch noch die Liebe der Fans ins Gegenteil um. Das Halbfinale der WM 1990 zwischen Argentinien und Italien fand – ausgerechnet – in Neapel statt. Vor dem Spiel brachte Maradona die Neapolitaner auf, als er sie aufforderte, Argentinien anzufeuern. Dann gewann Argentinien im Elfmeterschießen, auch dank Maradonas Treffer. Danach blieb nur noch die Flucht. „Als ich kam, waren 85000 Menschen da“, sagt Maradona. „Als ich ging, war ich allein.“ Welcher Drehbuchautor könnte sich etwas Besseres ausdenken? Falls jemand geplant haben sollte, einen Spielfilm über das unglaubliche Leben des Diego Maradona zu drehen: Das hat nach diesem Dokumentarfilm keinen Sinn mehr.

R: Asif Kapadia (GB 130 Min), K: Arena, (OmU), Mathäser, Museum Lichtspiele (OV)

 

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