AZ-Filmkritik des oscarnominierten Films von Ladj Ly „Die Wütenden - Les Misérables“: Funkenflug im Pulverfass

Wandplakat in Montfermeil bei Paris, wo „Die Wütenden - Les Miséerables“ spielt. Der Schwarze legt mit der Kamera an: ein kleiner Hinweis auf die Filmschule, die Ladj Ly hier gegründet hat. Foto: Alamode

Ein atemberaubender, aufwühlender französischer Film mit Wahrheitsanspruch: „Die Wütenden - Les Misérables“

 

Ladj Ly  erzählt, er sei von Emmanuel Macron eingeladen worden, um seinen Film beim Präsidenten anzuschauen. Aber gibt es einen größeren Kontrast zwischen dem Élysée Palast und der Wirklichkeit in Montfermeil, wo der Regisseur nicht nur aufgewachsen ist, sondern lebt und auch „Die Wütenden“ spielen?

„Les Misérables“: wie Victor Hugos Romanklassiker von 1862

Seit seinem Triumph in Cannes sorgt der Film für Nervosität und zog in Frankreich ein Millionenpublikum an. „Les Misérables“ heißt das Drama hier, wie Victor Hugos Romanklassiker von 1862, der ebenfalls in Montfermeil spielt. So steckt hinter dem Titel auch die Aussage: Die Elenden von damals sind heute die Vergessenen in den heruntergekommenen Vororten. Und hier sind es vor allem die Jungen ohne Perspektive mit dem Gefühl, für nichts und von niemanden gebraucht zu werden.

„Die Wütenden“ beginnen in ausgelassener Stimmung

Dabei beginnt „Die Wütenden“ in ausgelassener, elektrisierter Stimmung von Brüderlichkeit. Jungs aus den Banlieus fahren in Pendlerzügen Richtung Arc de Triomphe, um Frankreichs WM-Sieg 2018 zu feiern in einem nationalen Freudenrausch momentaner Gleichheit aller Franzosen. Sie haben sich die Farben der Trikolore ins Gesicht gemalt, die sie auch schwenken, wobei sie die Marseillaise singen. Dann geht es zurück – zu Langeweile, Rumhängen, Schulschwänzen.

Drei Cops machen das ganze Spektrum auf

Zentrum von „Die Wütenden“ aber ist hier eine Polizeistreife, die dramaturgisch geschickt besetzt ist: mit dem harten Burschen, der es als Chef der Streife mit Recht und Gesetz nicht allzu genau nimmt, was man ihm aber als Zuschauer bis zu einem gewissen Punkt nicht verübelt, weil er anscheinend nur so das Viertel einigermaßen unter Kontrolle hält. Dann gibt es den Cop, der selbst ein Schwarzer ist, auch desillusioniert und abgebrüht – und den Neuzugang, der noch unkorrupt ist und idealistisch legal bleiben will.

Am Ende eines netten Kinderstreichs: ein brennender Häuserblock

Aus den explosiven Konfliktfeldern mit den Bewohnern webt Ly dann einen atemberaubenden Sozialthriller, in dem alle Grenzen verschwimmen: Gut und Böse, Jäger und Gejagter, legal und illegal und Sympathien wechseln wie auch Vorurteile. Und am Ende eines netten Kinderstreichs – ein geklautes Löwenbaby aus dem Zigeunerzirkus – steht ein brennender Häuserblock. Dazwischen gab es zweifelhafte Deals mit Islamisten, Kollaboration mit mafiösen, selbsternannten „Bürgermeistern“, Durchsuchungen, zickige Teeniemädchen beim Basketball, gefährliche Abenteuerspiele sowie Polizeigewalt aus nervlicher Überforderung – oder doch aus Hass?

In einem Jungen spiegelt sich vielleicht Ladj Ly, der malische Wurzeln hat, selbst. Denn ein introvertierter Junge filmt als Hobby seine Umgebung. Ladj Ly hat selbst als Dokumentarfilmer begonnen und vor einigen Jahren in Montfermeil eine Filmschule gegründet.

Emmanuel Macron: Aktionismus nach dem Film

Die Einladung ins Präsidentenkino letzten Sommer hat Ly nicht angenommen, sondern umgekehrt Emmanuel Macron nach Montfermeil eingeladen. Der Präsident kam nicht, bekam aber von Ladj Ly eine DVD von dessen „Les Misérables“. Macron soll nach der Sichtung im Elfenbeinturm seine Regierung um Vorschläge gebeten haben, wie man die Lebenssituation an „Brennpunkten“ verbessern könnte.

Victor Hugos Roman „Les Misérables“ war noch eine sozialkritische, aber eben auch romantische Geschichte. 150 Jahre später gib es für Romantik im Film von Ladj Ly keine Grundlage mehr. Bei Victor Hugo kommt es zur Revolution, bei Ladj Ly zu Gewalt. Sie sollte nicht ohne politische Folgen bleiben. Denn erst als eine wütende Mittelschicht, die Gilets jaunes, rebellierte, kam Bewegung in die Politik. Die „Miserables“ dagegen bleiben als abgeschriebene Minderheiten meist vergessen, auch wenn die Banlieus brennen. 

Kino: City, Leopold und Monopol, Maxim (auch OmU), Theatiner (OmU) B&R: Ladj Ly (F, 103 Min.)

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