AZ-Filmkritik "Das Tagebuch der Anne Frank": An Leib und Seele frei

Ein leicht kratzbürstiges junges Mädchen: Lea van Acken als Anne Frank in Hans Steinbichlers Film. Foto: UPI

Hans Steinbichlers Film „Das Tagebuch der Anne Frank“ setzt neue, überraschende Akzente.

Wie soll man eine Geschichte erzählen, die von der historischen Hypothek des Holocausts befrachtet ist, ohne in eine depressive Grundstimmung zu verfallen? Und wie soll man einen Film über eine Person drehen, der der Nimbus einer Ikone anhaftet, ohne in den Gestus der Beweihräucherung und Seligsprechung zu verfallen?

Genau mit diesen schwierigen Fragen sahen sich Regisseur Hans Steinbichler und Drehbuchautor Fred Breinersdorfer konfrontiert, als sie sich die Neuverfilmung von „Das Tagebuch der Anne Frank“ zur Aufgabe machten. Was dabei herauskam, ist überraschend und überzeugend zugleich: Anne Frank wird uns als ein zwar hochbegabtes, aber ganz normales Mädchen präsentiert, das, obwohl es sich mit ihrer Familie und vier weiteren jüdischen Mitbewohnern in einem nur 50 Quadratmeter großen Versteck vor den Nazis verbergen musste, die typische Entwicklung eines Teenagers mit seinen extremen emotionalen Ausschlägen durchlebt.

Steinbichler lässt die Gestalt Annes (Lea van Acken) aus ihren Aufzeichnungen hervortreten, indem er die Geschehnisse aus ihrer subjektiven Perspektive darstellt und ihr eine Stimme verleiht, die das Erlebte in Form von Ansprachen (an ihre fingierte Freundin Kitty) ihrem Tagebuch anvertraut.

So erleben wir, wie Anne mit ihrer Mitbewohnerin Petronella van Daan (Margarita Broich) in Streit gerät, weil diese ihr eine schlechte Erziehung vorwirft und die 14-Jährige diesen Angriff vorlaut kontert. Wie sie sich als junge Frau immer mehr von ihrer Mutter (Martina Gedeck), der sie wegen ihrer „Beschränktheit“ manchmal am liebsten ins Gesicht schlagen würde, distanziert und wie sie ihrem verständnisvollen Vater (Ulrich Noethen) ihre Zuneigung gesteht.

Wie sie ihre Periode bekommt und sich zu schminken beginnt. Wie sie sich in den ebenfalls pubertierenden Langweiler Peter (Leonard Carow) verliebt und mit ihm zum Missfallen ihrer Eltern erste Küsse austauscht.
Steinbichler führt uns mit viel Empathie vor Augen, wie selbst in einer Ausnahmesituation die natürlichen Instinkte einer Heranwachsenden noch funktionieren.

 

Zeitgeschichte wird sinnvoll eingebettet

Trotzdem wird die zeitgeschichtliche Dimension von Anne Franks Schicksal nicht völlig ausgeblendet, auch wenn wir nur peripher über die Reaktionen der Hinterhausbewohner daran teilhaben, deren einzige wirkliche Verbindung zur Außenwelt in einem Radio bestand.

Denn die Scheinsicherheit des Verstecks ist trügerisch, und die Wirklichkeit von Naziterror und Krieg bleibt ein unerbittlicher Begleiter. Das kündigt sich an, als Anne beim Kartoffelholen die Treppe herunterstürzt und unter den Verfolgten die Angst umgeht, jetzt entdeckt zu werden.

Und das bewahrheitet sich, als nach über zwei Jahren das Versteck auffliegt, die Acht deportiert und bis auf Annes Vater alle ermordet werden.
Doch davon weiß das Tagebuch, das nach Annes Verhaftung durch die Gestapo abrupt abbricht, nichts mehr zu berichten. Dafür aber Hans Steinbichler mit seinem anrührenden Film, der uns mit Hilfe von Augenzeugenberichten schildert, wie man Anne und ihrer Schwester ihr gerade erst aufblühendes Leben in Bergen-Belsen gestohlen hat.


Mathäser, Gloria-Palast, Royal Filmpalast, CinemaxX, Münchner Freiheit, Rio Filmpalast. R: Hans Steinbichler, D, 128 Min.

 

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