AZ-Filmkritik "Cold War - Der Breitengrad der Liebe": Liebe als Grenzerfahrung

Liebe, Musik und vor allem die Sehnsucht nach dem abwesenden Anderen hält die beiden zusammen zwischen Polen, Berlin und Paris: Wiktor (Tomasz Kot) und Zula (Joanna Kulig). Foto: Neue Visionen

Ein bewegendes Melodram, romantisch, aber frei von Kitsch: "Cold War - Der Breitengrad der Liebe". Die AZ-Filmkritik.

Der knirschend kalte Winter hat die polnische Provinz noch fest im Griff, als Wiktor und seine Kollegin mit einem Militärlaster auf das schlecht beheizte Herrenhaus zufahren. Es ist das Jahr 1949, der Krieg steckt noch allen in den Knochen. Aber es wird bald Frühling werden und ein wunderbarer Sommer der Liebe.

Wiktor (Tomasz Kot) ist kein Soldat, erst recht kein Parteisoldat des neuen polnischen Staates. Wiktor – der Komponist und Arrangeur – hat mit seiner Kollegin ein Mikrophon und ein Aufnahmegerät dabei. Sie suchen im Auftrag der politischen Führung Sängerinnen und Tänzer für große Volkstanz-Inszenierungen und Tourneen, die das geschundene Land wieder aufrichten sollen.

Eine große Liebe im Kalten Krieg

Aber die alten, melancholischen Themen Liebe, Abschied, Sehnsucht werden langsam ideologisch verdrängt von der Feier des Aufbaus, des Kommunismus und von "Väterchen Stalin". Und man merkt, dass Wiktor dafür ein viel zu freier Mensch und künstlerischer Geist ist – was ihm gefährlich wird. Wiktor hat sich in eine der jungen Sängerinnen verliebt, und Zula (Joanna Kulig) liebt ihn – und nackt in einer Sommerwiese gesteht sie ihm, dass sie ihn bespitzeln soll. Sie lachen und lieben sich weiter.

Über 14 Jahre erleben wir nun, was aus einer großen Liebe in Zeiten des Kalten Krieges wird. Man tourt erst durch Polen, fühlt den Geheimdienst im Nacken.

Flucht in den Westen und wieder zurück

Dann kommt ein internationales Jugendtreffen in Berlin. Er plant die Flucht in den Westen und wartet an der S-Bahn nach Westberlin: ein Moment, der sie trennen wird.

Sie treffen sich noch einmal in Jugoslawien, dann in Paris. Hier ist er ein recht erfolgreicher Jazzpianist, sie bleibt. Aber trotz einiger Jazz- und Chanson-Erfolge fühlt sie sich entwurzelt, spürt, dass sie nicht mehr an die alte Liebe anknüpfen kann, geht zurück, er hinterher: Eine melodramatische Abwärtsspirale beginnt, akustisch zusammengehalten von ihrem alten slawischen Volkslied, das sich mit Zeit, Stil und Lebenssituation wandelt.

Der Film in Schwarz-Weiß: Expressionistisch aber nicht nostalgisch

Das ist bewegend klassisch erzählt, manchmal fast kitschig, aber eben nie sentimental. So entsteht starkes Kino. Vor allem, da an dieser Liebe zwischen einer unbedingten, leidenschaftlichen Frau und einem weicheren, aber ebenfalls radikal liebenden Mann auch die Frage nach Heimat, Tradition und Verwurzelung durchgespielt wird – und die Frage, ob Entfernung vom Geliebten nicht die größere Emotion schafft als ein wirkliches Zusammensein, das sich in der Realität bewähren muss.

Pawel Pawlikowski hat für diese Liebe zwischen den Fronten des Kalten Kriegs ein intensives Schwarz-Weiß gewählt, das den Film aber niemals nostalgisch einfärbt. Vielmehr entsteht eine kunstvolle Stilisierung, die an den Existenzialismus erinnert.

Dass "Cold War" in fünf Kategorien für den Europäischen Filmpreis im Dezember nominiert ist – als Bester Film, Pawel Pawlikowski für die Beste Regie und für das Beste Drehbuch, Joanna Kulig als Beste Darstellerin und Tomasz Kot als Bester Darsteller – ist da nur konsequent. Und im Oscarrennen ist "Cold War" auch bereits.


Kino: City, Arena und ABC sowie Theatiner (OmU), R: Pawel Pawlikowski (PL, GB,F, 89 Min.)

 

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