AZ-Filmkritik "Black Mass" : Ein Teufelspakt mit Johnny Depp

Maskenbildnerische Verfremdung: Brutal statt metrosexuell ist Johnny Depp als Jimmy Bulger in Scott Coopers "Black Mass". Foto: Warner

Fahl kühl, teuflisch gut: So ist "Black Mass", der US-Krimi mit Johnny Depp als Jimmy Bulger, Bostons Gangsterboss der 70er und 80er.

 

Die unheimlichste Szene spielt an einem Esstisch in einem netten Einfamilienhaus, in dem aber eine seltsame, schwefel-gelbliche leichte Abgedunkeltheit herrscht.

FBI-Agent Connolly hat zum Abendessen geladen. Seine Frau hat sich bereits „entschuldigt“ und die beklemmende Runde verlassen. So dass am Tisch nur noch Jimmy Bulger und seine Männer fürs Grobe zurückbleiben – und eben Connolly, der vor vielen Jahren einen Teufelspakt mit Bulger eingegangen ist. Er hatte den Vorstadtganoven, neben dem er die Schulbank gedrückt hatte, in ein Restaurant eingeladen.

Bulger: „Weißt du, was ich mit Ratten mache?“ Connolly: „Nein, nein, es ist kein schmutziger Verrat. Es ist ein Bündnis!“ Jimmy: „Zwischen mir und dem FBI?“ Connolly: „Nein, zwischen Dir und mir“.

Der Deal: Bulger sollte mit seinem Wissen dem FBI helfen, die Mafia in Boston zu beseitigen, dafür würde man ihn, den Bruder des Senators, in Ruhe lassen. Aber Bulger stößt in das entstehende kriminelle Vakuum und wird zum Paten von ganz Boston.

Jetzt, Jahre später, am privaten Esstisch ist Bulger ein anderer: brutaler, mörderischer, einsamer – ein intelligenter Psychopath. Johnny Depp gibt Bulger – gegen sein metrosexuelles Ex-Teenieschwarm-Image – mit Stirnglatze und Schatten um die eiskalten Augen ein völlig gefühlloses Gesicht, das sich oft hinter getönten 80er-Pilotenbrillengläsern verbirgt.

Wenn Katz’ und Maus spielen und langsam die Rollen verschwimmen

Dann testet Bulger subtil-grausam Connollys charakterliche Zuverlässigkeit: Erst lobt lakonisch das Essen, erkundigt sich pseudofreundlich nach dem Rezept. Connolly erklärt, es sei ein „altes, geheimes Familienrezept“. Bulger: „Aber irgendwas Besonderes ist drin.“ Daraufhin erzählt Connolly jovial die spezielle Ingredienz, was Bulger mit einem stahlkalt aufblitzenden Satz beendet: „Ich dachte, das Rezept ist geheim.“ Eisige Bedrohung legt sich über den Tisch.

„Black Mass“ ist ein Krimi auf Grundlage des wirklichen Lebens von Jimmy Bulger und hat zwei Schwesterfilme: Eastwoods „Mystic River“ von 2003 und Scorseses „Departed“ (2006). Alle drei unterminieren unheimlich das stolze Bild der ur-amerikanischen, neuenglischen Metropole Boston und mischen sonst klar getrennte Seiten durch Kollaboration auf. „Black Mass“ schaut dabei bei aller vordergründigen Spannung noch genau auf das Psychogramm eines Kriminellen. Ohne jeglichen Sozialkitsch wird hier erzählt, wie ein intelligenter, leicht autistischer Typ ins Radikale abdriftet: als logische Konsequenz seines Machtwillens und Ausschaltung des Gefühls.

Keine Bindungen zu Frauen, ödipal und der Wille zur Macht

Scott Cooper erklärt die zunehmende Radikalisierung bis hin zu paranoiden Zügen auch mit privatem Scheitern: einer ödipalen Mutterbindung, die nach deren Tod zu Haltlosigkeit führt und der Unfähigkeit, zu Frauen eine emotionale Bindung einzugehen. So ist Bulger ein fantastisches Objekt für einen Psychotherapeuten – und für uns Zuschauer.

Interessant ist, warum man den softeren Johnny Depp maskenbildnerisch so radikal umdrehte, anstatt die Rolle gleich mit einem härteren Typen zu besetzten. Vielleicht, weil wir so mit Jimmy Bulger innerlich immer noch verhandeln wollen, auch wenn er längst die menschliche Basis dafür aufgekündigt hat.

Mutig an „Black Mass“ ist, dass wir als Zuschauer nie mit der verbrecherischen Hauptfigur paktieren. Sondern machtlos zusehen, wie ein aus Karrieregründen und Eitelkeit von einem Polizisten geschlossener Teufelspakt völlig außer Kontrolle gerät.

Kino: Cinemaxx, Leopold, Mathäser sowie City und Monopol (OmU) und Cinema (OV)
R: Scott Cooper (USA, 123 Min.)

 

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