AZ-Filmkritik "Aufbruch zum Mond": Kleiner Schritt, große Probleme

Neil Armstrong (Ryan Gosling) wird als erster Mann den Mond betreten. Doch auf der Erde hat er mit großen persönlichen Problemen zu kämpfen. Foto: Universal Pictures

Regie-Wunderkind Damien Chazelle erzählt in "Aufbruch zum Mond" von Neil Armstrong, seinem Privatleben und der Eroberung des Weltraums.

Es ist ein Mehrfach-Déjà-vu: Vor fünf Jahren zeigte Alfonso Cuarón seinen Weltall-Film "Gravity" mit einer Frau am Schalthebel – und schwebte in Schwerelosigkeit Richtung Oscar. Vor zwei Jahren geriet Damien Chazelles "La La Land" mit Ryan Gosling in einen Oscarregen. Und jetzt hat Damien Chazelle wieder mit Ryan Gosling gedreht – diesmal einen Raumfahrtfilm, der die erste bemannte Mondlandung samt ihrer Vorgeschichte erzählt.

Diesem perfekten Weltraum-Film fehlt die Leichtigkeit. Was am Thema liegt: Es geht um die neun Jahre im Leben von Neil Armstrong (Gosling), bevor er 1969 einen kleinen Schritt macht, der ein großer für die Menschheit ist.

Raumfahrt-Wettlauf gegen die Sowjetunion

Wir erleben durch extremes Rattern und Rütteln, Material-Kreischen und Zündexplosionen das extrem Physische der Astronautenmission – und zwar schon bei den Testflügen mit Raketenflugzeugen, die zum ersten Mal 1961 für kurze Zeit die Atmosphäre verlassen, in einen geräuschlosen, poetischen Schwebezustand geraten, um dann wieder in einen Höllensturz zu kippen, zurück auf die Erde.

Wir erleben auch den Tod einiger Freundes-Kollegen in den Testpilotphasen und werden in die politische Diskussion verwickelt, ob der Raumfahrts-Wettlauf mit der Sowjetunion neben den Menschenleben auch sein Geld wert ist. Das würde dringend für den Sozialstaat gebraucht.

Ohne US-Flagge auf dem Mond

Aber wir blicken durch diesen Film auch zurück auf eine fortschrittsoptimistische Zeit: Sie ist ein Gegenspiegel unserer heutigen Verzweiflung über die Katastrophen, die der Mensch – auch durch seinen teuflischen Technikfortschritt – der Erde antut.

Und so antwortet Gosling im Film auf die Frage nach dem Sinn seiner Mission: Er habe von oben die unfassbar dünne, verletzliche Atmosphären-Schutzschicht unseres Planeten gesehen: eine ökologische Mahnung, die auch dadurch brisant ist, weil der derzeitige amerikanische Präsident ja ökologisch blind ist – und auch noch gesagt hat, er würde sich Chazelles Film nicht anschauen, weil hier die Szene fehlt, als die amerikanische Flagge auf dem Mond eingerammt wird.

Ein Film über die Emanzipation

Doch Chazelle legt einen entscheidenden Schwerpunkt auf die Frage, was patriotische, durchaus heldenhafte Pflichterfüllung aus den Familien macht. Denn Armstrongs Ehefrau (Claire Foy) ist zu Hause mit den Kindern zum Abwarten verdammt. Sie ist die zweite Identifikationsfigur, die bis zum Ende der 60er durch die permanente Abwesenheit ihres Mannes eine innere Emanzipation durchläuft.

Die Entwicklung ist auch ein Zeitgeistspiegel der Sechziger Jahre. Währenddessen explodieren in Mode und Einrichtung die Farben vom züchtigen Pastell zur Popart-Buntheit. Chazelle spielt auch auf Stanley Kubricks "2001 – Odyssee im Weltraum" an, der ein Jahr vor der Mondlandung, also vor genau 50 Jahren das Kino in einen walzernden Space-Schwebezustand versetzte. Aber eine ästhetische, überelegante Weltraum-Feier will Chazelle nicht bieten.

Es geht ihm vor allem um den persönlichen Preis, den Heldentum fordert, auch wenn wir diese Männer bewundern, die uns in ihrer virilen Sachlichkeit heute fremd geworden sind. Männer haben damals zwar den Weltraum erobert. Aber ihre Emanzipation von der Pflichterfüllung und ihre Fähigkeit, über Gefühle zu reden: Das sind damals noch Entwicklungen einer fernen Zukunft.


Kinos: Cinema, Museum-Lichtspiele (beide OV), Atelier, Studio Isabella (beide OmU), Cinemaxx, Mathäser, Münchner Freiheit, Neues Rex, Royal, R: Damian Chazelle (USA, 142 Min.)

 

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