AZ-Filmkritik "Astrid": Nicht überall war Bullerbü

Astrid (Alba August) holt ihren Sohn von der Pfelegefamilie. Foto: DCM

Ein skandinavischer Film erzählt von der schweren Jugend von Astrid Ericsson – ehe sie die weltberühmte Lindgren wurde.

 

Das Mädchen ist anders - nicht direkt frech, aber unangepasst. Die Mutter ist herb-streng, aber nicht lieblos und der Vater unterstützt sogar dezent die frühe Emanzipation von Astrid vom Pfarrhof, den er als Bauer gepachtet hat. Seine 16-jährige Tochter schneidet sich die Zöpfe ab, wird burschikos im Stile der Modemagazine und bekommt – nach einem Probetext über den neuen Eisenbahnanschluss des Dorfes - eine Volontariatsstelle bei einem progressiven Provinzzeitungsverleger.

Dieser lebt in Trennung, sie verlieben sich trotz großen Altersunterschieds ineinander. Astrid wird schwanger, muss als 19-Jährige das Kind heimlich in Stockholm zur Welt und dann zu einer Pflegemutter ins liberalere Dänemark bringen.

Pflegeeltern nicht sanft, Reisen von Angst besetzt

Der Film "Astrid" erzählt die frühe Lebensgeschichte von Astrid Lindgren – und damit von der klassischen Frage, inwieweit Jugenderlebnisse sich in einem Werk spiegeln, dass sich weltweit 160 Millionen Mal verkauft hat und dessen Größe sich nicht nur in wunderbaren Figuren und Einfällen zeigt, sondern auch darin, dass die Kindheitsidyllen nicht in einem glatt-kitschigen Umfeld spielen.

Die sich allein durchschlagende Pippi Langstrumpf idealisiert ihren abwesenden Vater, der sie im Stich gelassen hat. Pflegeeltern sind – wie in "Mio, mein Mio" - nicht sanft, Reisen von Angst besetzt. Michel aus Lönneberga - aus der Heimat Lindgrens - eckt stark bei der Erwachsenenwelt an.

Astrid Lindgren: Das ewige Kind

Es ist ein gelungenes Stilmittel des Films von Pernille Fischer Christensen, als Zwischenanker der Lebenserzählung bis 1941 die Wohnung von Astrid Lindgren zu nehmen, in der sie danach 60 Jahren lang bis zu ihrem Tod 2002 gewohnt hat. Im Film hat sie gerade ihren 80. Geburtstag und sitzt hier am Schreibtisch. Neben ihr Postsäcke mit Briefen, die sie ruhig öffnet.

Es sind Fanbriefe – überwiegend von Kindern. Eine Kassette liegt bei. Die alte Dame legt sie in ihre Stereoanlage. Eine Schulkasse gratuliert und stellt Fragen. "Wie kannst Du wissen, wie es ist Kind zu sein, wo es doch schon so lange her ist?" Aber das ist eben die Gabe von Astrid Lindgren, bei aller politischen und gesellschaftlichen Wachheit das Kindliche, niemals aber Kindische im Herzen und im Kopf bewahrt zu haben.

Die Umwelt ist keine Hölle, das Leben trotzdem hart

Und so erinnert sie sich zurück ins südschwedische Vimmerby ihrer Jugend und in das Stockholm der 30er-Jahre, wo sie als Sekretärin im "Königlichen Automobil-Club" ihren Mann, den Abteilungsleiter Sture Lindgren, kennenlernte.

Natürlich ist Astrid im Film die starke Frau, die Alba August wunderbar spielt, weil sie ihr Kraft gibt, aber gleichzeitig die Verletzungen durchschimmern lässt, die ein Leben zufügt, das sie zwingt, so früh Verantwortung zu übernehmen und harte Entscheidungen zu fällen. Aber der Film stilisiert ihre Umwelt nicht zur Hölle, von der sich Astrid als moderne Lichtgestalt besser abheben könnte.

Mit 37 schreibt Lindgren "Pippi Langstrumpf"

Das Elternhaus ist streng religiös, aber nicht grausam, der Astrid schwängernde Verleger kein fieser Verführer, sondern nur zu schwach, ein neues Leben mit ihr gegen die Ex-Frau und den juristischen Vorwurf der "Unzucht mit Minderjährigen und Abhängigen" durchzufechten. Und Astrid selbst leidet unter Schuldgefühlen durch die Trennung vom Kind, das seine Mutter nicht mehr kennt, als sie den dreijährigen Sohn dann nach Stockholm holt, wo sie sich eine eigene, bescheidene Existenz erkämpft hat.

Jeder hat hier Manches falsch und Vieles richtig gemacht. Und das alles wird differenziert und damit spannend geschildert, mit viel Gefühl, aber ohne Süßlichkeit, auch wenn die Dörfer Bullerbü-hübsch und die Städte Bilderbuch-sauber sind. In dieses Leben tritt nun Sture Lindgren als sympathisch liberaler, einfühlsamer Typ. Den Rest kennt man. Denn mit 37-Jahren reichte Astrid Lindgren 1944 ihre "Pippi Langstrumpf" erfolgreich bei einem schwedischen Verlag ein.


Kino: Arena, City, Kino Solln, Studio Isabella, Rio, Neues Maxim, Münchner Freiheit, B&R: Penille Fischer Christensen (Schweden, D, DK, 123 Min.)

 

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