AZ-Filmkritik Alfonso Cuaróns "Roma": Berührend, kunstvoll und meisterhaft

Kleine Freiheit auf dem Hausdach: Yalitza Aparicio als Haushälterin und Marco Graf als netter Sohn der Familie. Foto: Carlos Somonte/Netflix

Alfonso Cuaróns Netflixfilm "Roma" ist zu gut, um nicht auch im Kino gezeigt zu werden.

 

Da ist einer 2001 im Oscarrennen (für "Y Tu Mamá También"), dann darf er einen "Harry Potter" drehen (2004, "Der Gefangene von Azkaban") und räumte vor vier Jahren bei den Oscars sieben Mal ab: mit "Gravity". So einem Regisseur vertraut man in Hollywood natürlich eine Stange Geld an fürs kommende Projekt. Aber nach dem Weltraumabenteuer hat Alfonso Cuarón jetzt eine Rolle rückwärts gemacht: in seine Heimat Mexiko, in die 70er Jahre, schwarz-weiß, ohne Hollywoodschauspieler, auf Spanisch.

"Roma" - benannt nach einem gutbürgerlichen Großstadtviertel in Mexiko Stadt – beginnt skurril: mit einem längeren Blick auf die Geometrie von Steinkacheln am Boden einer Hauseinfahrt. Man hört im Hintergrund Stimmen, das Geräusch des Wasserstrahls, mit dem der schon leicht brüchige Boden abgespritzt wird, vor allem aber ein schabendes Besengeräusch.

Klassenkampf ohne Propaganda

Dann ein Hupton von der Straße her: freudig-nervöse Bewegung kommt auf im Haus. Kinder rufen durcheinander: Pápa kommt! Eine Indio – den Besen noch in der Hand – öffnet das Doppeltor: das Familienoberhaupt fährt aufgeblendet mit wuchtigem Straßenkreuzer ein in die fast zu Enge Durchfahrt – leichter Blechschaden! Dann der Austritt schwarz glänzender Lederschuhe in die Hundescheiße des Familienhundes. Ärger und Begrüßungstrubel mischen sich.

Großmannssucht, Slapstick, Familienstrukturen: alles ist bereits in der Eröffnungsszene zusammengefasst. "Roma" wird jetzt ein Jahr im Leben einer Hausangestellten in dieser oberen Mittelklassefamilie erzählen. Und Cuarón lässt keinen Zweifel daran, dass sein Film auch klassenkämpferisch ist. Aber er macht das derart unbelehrend, dass sich das Unrechtsgefühl beim Zuschauer ohne vordergründige Propaganda und aufdringliche Agitation einstellt. Vielmehr sind wir als Zuschauer ruhig anwesend: Unser Blick und Gefühl sind bei der Hausangestellten Cleo.

Der Hausherr verlässt das Haus

Es ist nicht so, dass die Familie Cleo wirklich schlecht behandelt. Aber allein wie die Kinder mit verwöhnter Selbstverständlichkeit ihre Regenmäntel nach der Haustür auf den Boden gleiten lassen, wie erwartet wird, dass Cleo als Erste aufsteht, das Frühstück macht und als Letzte, 16 Stunden später, nachts das Licht im Hause löscht. All das lässt den irritierend ungerechten, aber hier als selbstverständlich empfundenen Klassengegensatz spüren.

Und wer sich in der jüngeren mexikanischen Geschichte auskennt, wird in "Roma" viele elegant eingewobene Details entdecken: wie den Pfründe-Arbeitsplatz des Familienoberhaupts beim Sozialversorgungsinstitut (IMSS). Aber der Herr wird schon bald von seinen angeblichen "Dienstreisen" nicht mehr zurückkommen. Er lebt jetzt mit einer jüngeren Geliebten. Das Haus ist jetzt ohne Gebieter, die Hausherrin verlassen, wie zeitgleich auch die von einem Taugenichts geschwängerte Cleo.

Cuarón knüpft an den italienischen Neorealismus an

Und kurz entsteht im Haus ohne Hüter so etwas wie Frauensolidarität über die Klassengegensätze hinweg. So ist "Roma" auch eine Geschichte über Frauen, die sich – es sind die frühen 70er – beginnen zu emanzipieren und stärker werden. Und dann gibt es noch eine politische Ebene, weil Studentenproteste gegen die autoritäre mexikanische Regierung plötzlich kurz in die Handlung hineinspielen und in einem schmutzigen Krieg gegen Links niedergeschossen werden.

Was Alfonso Cuarón mit "Roma" erzählt, knüpft an die Kunst neorealistischer Filme wie von Roberto Rosselini an. Wer die Wahrheit ohne erhobenen Zeigefinger zeigt, kann beim Zuschauer ein sensibleres moralisches Bewusstsein erzeugen. Cuarón macht dies berührend, kunstvoll, intim: meisterhaft.


Kino: ABC, Theatiner und Isabella (jeweils OmU), B&R: Alfonso Cuarón (Mex, 135 Min.)

 

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