AZ-EM-Gespräch Schriftsteller Kristof Magnusson: „Wikinger? Absurd!“

Ein isländischer Fan mit Wikingerhelm. „Kein vernünftiger Wikinger geht nach Island, wo es im Umkreis von 2000 Kilometern nichts zum Plündern gibt“, sagt Kristof Magnusson. Foto: az, firo/Augenklick

Schriftsteller Kristof Magnusson erklärt im EM-Gespräch die Besonderheiten seiner Heimat Island, den irren TV-Reporter – und verrät, warum der Erfolg in Frankreich für sein Land so wichtig ist.

München - Der 40-Jährige deutsch-isländische Schriftsteller Kristof Magnusson („Das war nicht ich“) verfasste das 2014 verfilmte Theaterstück „Männerhort“. Er schrieb die „Gebrauchsanweisung für Island“ und zuletzt den „Arztroman“ (Kunstmann Verlag). Mit der Abendzeitung hat er im EM-Gespräch über sein Heimatland und die EM gesprochen.

AZ: Herr Magnusson, wo haben Sie das letzte Gruppenspiel der Isländer verfolgt?
Kristof Magnusson: Ich war im Restaurant „Austria“ in Kreuzberg und habe ein Wiener Schnitzel gegessen. Die Mitarbeiter dort schienen mir doch ein wenig bedrückt und deswegen habe ich auch darauf verzichtet, mich ganz so laut zu freuen, wie es Gudmundur Benediktsson getan hat...

Sie meinen den irren TV-Reporter? Der muss ja jetzt eine Kultfigur in Island sein.
Er war früher Nationalstürmer und man kannte ihn als sehr ruhigen, neutralen Kommentator. Beim 2:1 gegen Österreich aber hat er dann diese „außerkörperliche Erfahrung“ gemacht, wie er es genannt hat, und das Hohe C getroffen. Er selbst konnte sich sein Verhalten schwer erklären, aber ihm ist der ganze Rummel um seine Person sowieso schon zuviel, sein Telefon klingelt permanent. Außerdem hat er erzählt, dass ihn die Reporterkollegen neben ihm nach dem Spiel doch etwas befremdet angeschaut haben. Da wusste er, dass etwas Außergewöhnliches mit ihm geschehen war.

Seine Reaktion entsprach halt gar nicht dem Klischee, das wir vom kühlen nordischen Mann haben.
Mich hat sein Verhalten nicht überrascht, weil der Sieg so ein besonderes Ereignis war.

Handball-Nation Island im Fußballfieber

Dagur Sigurdsson, Trainer der deutschen Handball-Nationalmannschaft, sprach vom größten Erfolg des isländischen Sports.
Wir sind als Handball-Nation auch sehr erfolgreich, aber beim Fußball schaut halt die halbe Welt zu. Man muss sich immer vor Augen führen, was das bedeutet: Die Isländer waren immer gewöhnt, dass sie in andere Länder kamen und niemand irgendetwas über ihr Land wusste. Mein Vater wurde auch immer gefragt, ob er eigentlich noch im Iglu wohnen würde. Deswegen ist es für die Isländer so bedeutsam, wenn sie einen Erfolg erzielen, der auch international wahrgenommen wird.

Wo spielt man eigentlich Fußball im Winter?
Deswegen war ja Handball so beliebt, weil man das im Winter in den Hallen besser üben konnte. Inzwischen hat sich das geändert, es gibt auch große Fußballhallen. Und natürlich sind die Plätze draußen im Winter auch beleuchtet – meistens aber auch verschneit.

Island hat doch mehr zu bieten, zum Beispiel Pop-Musik.
Sobald man merkt, da ist irgendwie Bewegung drin und das wird wahrgenommen im Ausland, dann klemmen sich die Isländer mit enormer Energie dahinter. Das war in der Popmusik so, als es auf einmal mit Björk und Sigur Ros losging. Und das ist auch der Grund, warum bei uns der ESC so beliebt ist. Die Isländer genießen jeden Moment, in dem sie international wahrgenommen werden. Das ist auch verständlich nach so einer langen Geschichte voller Isolation und Armut.

Apropos Armut: Die Wirtschaft müsste doch gerade zusammenbrechen, wenn über zehn Prozent der Isländer in Frankreich sind.
Das wird traditionell dadurch ausgeglichen, dass im Sommer die Schüler frei haben und viele Jobs übernehmen.

Und das funktioniert?
Beim Rasenmähen funktioniert es, wie es im Krankenhaus aussieht, weiß ich nicht.

Warum verkleiden sich die Fans als Wikinger, das machen doch schon die Schweden.
Das ist vor allem deswegen absurd, weil die Siedler, die Island besiedelt haben, wenn überhaupt, Ex-Wikinger waren, die in Ruhe Landwirtschaft machen wollten. Kein vernünftiger Wikinger geht nach Island, wo es im Umkreis von 2000 Kilometern nichts zum Plündern gibt. Ein schlechter Ausgangspunkt für Wikingertouren.

Gibt es keine bekannte Sagenfigur als Alternative für die Kostümierung der Fans?
Doch, aber die würde man ja im Ausland nicht erkennen. Und es gibt auch berühmte Dichter. Aber das wäre ja so, als würden sich die Deutschen Fans alle als Hölderlin verkleiden – eine schöne Vorstellung.

Süße Grüße vom AZ-Reporter aus Lille

Brexit die Zweite im EM-Achtelfinale?

Jetzt hoffen alle auf den zweiten Brexit – das ist gegen England gewissermaßen die historische Verantwortung Islands.
Die isländische Presse schreibt, dass die beste Chance darin besteht, sich ins Elfmeterschießen zu retten. Außerdem ist Island ja die einzige der teilnehmenden Nationen, die noch nie bei einer EM verloren hat.

Also bedingter Optimismus?
Nein, großer Optimismus. Isländer sind alle Optimisten und müssen das auch sein. Das Land sollte ja vor zweihundert Jahren schon mal komplett evakuiert werden nach einem Vulkanausbruch. Ohne Zuversicht kann man dort nicht leben.

Wenn die Spieler heute gegen England gewinnen, sind sie dann Helden für die Ewigkeit?
Also Held ist man in Island immer nur in Anführungszeichen. Die Gesellschaft ist ja so klein, dass man immer einen kennt, der mit der Schwester des „Helden“ in der Realschule herumgeknutscht hat. Außerdem trifft man ihn ständig beim Einkaufen, man duzt sich, oder man ist gleich miteinander verwandt. Das mit der Unnahbarkeit und dem Heldenstatus wird also schwierig, aber man wird sich immer an die Mannschaft erinnern.

Gibt es noch eine populäre Sportart nach Hand- und Fußball?
Natürlich: Schach – und eine sehr alte isländische Form des Ringens. Wir haben, so glaube ich, die höchste Dichte an Schachgroßmeistern. Und das pro Kopf umrechnen und in Bezug zu anderen Nationen setzen, ist isländischer Nationalsport. Bevor Halldór Laxness den Literaturnobelpreis bekam, war die Nobelpreisträgerdichte null, danach waren wir das Land mit der höchsten Nobelpreisträgerdichte: Einer auf 330 000 Einwohner.

 

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