AZ-EM-Gespräch mit Oliver Hilbring "Pizza, Catenaccio: Da ist viel Platz für Klischees"

„Dieses Generationenduell ist natürlich ein interessanter Ansatzpunkt“, sagt Oliver Hilbring zu seiner Vorschau auf Deutschland gegen Italien. Auf www.oli-hilbring.de betreibt der Cartoonist einen Blog. Foto: Oli Hilbring/ho/AZ

Das Viertelfinale Italien gegen Deutschland ist auch für Cartoonist Oli Hilbring eine Quelle der Inspiration – wie schon die gesamte EM.

 

München - Vor dem Viertelfinal-Kracher zwischen der deutschen Nationalmannschaft und der "Squadra Azzura" aus Italien (Samstag, 21 Uhr, ARD und im AZ-Liveticker) hat die AZ mit dem Cartoonisten Oli Hilbring gesprochen.

AZ: Herr Hilbring, Deutschland spielt am Samstagabend gegen Italien. Aus Sicht eines Cartoonisten hätte es doch nicht besser kommen können, oder?

OLIVER HILBRING: Die Partie bietet viel Raum für Klischees. Die Klassiker wie Pizza, Catenaccio zum Beispiel. Und natürlich die Geschichte mit dem deutschen Trauma gegen Italien. Aber eigentlich arbeite ich als Cartoonist eher selten als Orakel. Ich versuche, die Dinge Paroli laufen zu lassen, wie der Fußballer so schön sagt (lacht) – und lasse mir meistens während des Spiels oder kurz danach etwas einfallen.

Mit Deutschland trifft das jüngste Team des Turniers auf das älteste der EM-Geschichte.

Dieses Generationenduell ist natürlich ein interessanter Ansatzpunkt, vor allem Buffon, der mit 38 ja der Älteste ist.

Deutschland-Schreck Mario Balotelli wurde nicht nominiert, Schwedens Zlatan Ibrahimovic ist schon draußen, bleibt noch Cristiano Ronaldo als Vorlage, oder?

Es ist natürlich wunderbar, wenn man solche Typen hat. Ronaldo ist fast schon zu schön, den kann man gar nicht hässlich malen. Da kommt das dann über die Körperhaltung mit breiten Beinen. Ich habe mal einen Cartoon gemacht, auf dem ein Schalke-Fan breitbeinig ins Klo pinkelt.

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Drücken Sie solchen Typen also die Daumen, dass Sie im Turnier bleiben?

Ich habe Jürgen Klopp zum Beispiel sehr gerne gemalt, mit Kappe, Brille und Dreitagebart. Wenn solche visuelle Typen dann gehen oder bei der EM ausscheiden, ist das schon schade.

Wer sind die visuellen Typen der deutschen Mannschaft?

Jogi ist natürlich ein dankbares Opfer, alleine schon wegen seiner Frisur.

Zu seiner ganz persönlichen Coaching-Zone haben Sie bereits einen Cartoon angefertigt.

Richtig. Eine Hand am Pokal, und das schon im ersten Vorrundenspiel. Das ist ja geradezu gigantisch. Er hat ja Abbitte geleistet. Für solche Situationen ist man als Cartoonist aber natürlich dankbar. Ich finde Herrn Löw sehr unterhaltsam.

Seine Spieler auch?

Schweini kann man noch ganz gut malen. Özil ist auch super. Er hat diesen treuen Blick.

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Gomez und Götze nicht?

Wenn jemand einen Riesen-Bock macht, wie der englische Torwart zuletzt, dann hat er es auch verdient, in einem Cartoon gewürdigt zu werden. Ansonsten stehen gerade Gomez oder Götze ja oft unabhängig von der sportlichen Leistung in der Kritik. Da möchte ich persönlich jetzt nicht drauf rumhacken.

Wie sieht es mit den Spielern aus, die mal lustige Sprüche raushauen?

Diese Maskottchen-Aussage von Podolski oder sein "Eierkraulspruch" zu Löw waren super. Meine Cartoons sollte auch jemand nachvollziehen können, der nicht jeden Tag die gesamte Sportpresse liest. Die Schlagzeilen, die von den Protagonisten produziert werden, sind schon wichtig für das Verständnis einer breiten Masse. In einem meiner Cartoons packt ein Spanier seinen Koffer und ein Italiener fragt ihn: "Ach, ist das dieses Packing, wovon die Fußballexperten jetzt alle quatschen?" Da war ich mir zum Beispiel nicht so sicher, ob schon jeder das Thema Packing kennt.

Die Koffer packen mussten auch die Engländer, während Island nun gegen Frankreich spielt. Englischer Humor?

Vielleicht ist das das englische Gen, die bekommen das bei Turnieren eben nie hin. Ich wurde kürzlich in einem EM-Talk noch belächelt, als ich gesagt habe, dass ich Island ganz weit vorne sehe. Ich habe es also vorher gewusst. (lacht)

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Woher?

Fast jede EM hat doch ein Überraschungsteam, so wie Griechenland oder zum Beispiel Dänemark es waren.

Warum zeichnen Sie ausgerechnet Fußball-Cartoons?

Ich bin großer Schalke-Fan und Fußballfreund. Als Künstler macht man eben Dinge, die einem Spaß machen. Am Anfang wollte ich so ein bisschen Potthumor mit dat und wat und so weiter machen. Aber dann dachte ich: Meine Cartoons sind von nationaler Bedeutung, wenn nicht von internationaler. (lacht)

Auch in der Welt eines Cartoonisten ist nicht immer alles nur lustig. Sie haben sich nach den Anschlägen in Paris auf die Redaktion des Satiremagazins "Charlie Hebdo" sicher so Ihre Gedanken gemacht.

Das muss die ganze Gesellschaft tun, auch aktuell bei den Anschlägen in Istanbul. Das ist totaler Irrsinn. Charlie Hebdo ist natürlich für einen Zeichner oder Cartoonisten doppelt schlimm. Dass da irgendwelche Irre aufgrund von Satire losziehen und Menschen umbringen, ist ganz fürchterlich. Man macht sich insofern Gedanken, dass man vielleicht hier und da doch die falschen Leute mit seiner Kunst erreicht.

Hat die EM ein wenig die Unbeschwertheit verloren?

Man hatte Angst vorm IS und dann kamen die Hooligans. Die Terrorgefahr schwingt schon irgendwie mit. Man hat nicht so ein unbeschwertes Gefühl, wie das bei der letzten WM noch war. Das Turnier hat einen Beigeschmack bekommen.

Was würden Sie nach dem Finale gerne zeichnen?

Wie die Germanen die Wikinger aus Island besiegt haben.

 

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