AZ bei Sepp Schleicher Faszination Ludwig II.: Der Kini und sein größter Verehrer

Sepp Schleicher und sein „größter Schatz“, seine Frau Barbara. Den Schwanenhelm trug Fürst von Thurn und Taxis bei einer selbst inszenierten Aufführung in Hohenschwangau zum 19. Geburtstag des noch recht frischgebackenen Königs. Der Fürst spielte den Lohengrin. Foto: Bernd Wackerbauer

Sepp Schleicher jagt seit 40 Jahren Preziosen des Märchenkönigs und forscht über ihn. Der Sammler ist überzeugt: Ludwig II. ist ein Vorbild für uns alle.

 

München - Alles begann mit einem Ausflug ins Schloss Linderhof. Der damals acht Jahre alte Sepp war mit seiner Schulklasse unterwegs und überwältigt. "Dass ein König sein Schloss in dieses liebliche Tal baut, das hat mich verzaubert", erzählt er.

Heute ist er 67 und erzählt der AZ von der Leidenschaft, die ihn seit der Grundschule begleitet. Und der, dem sie gilt, schaut beim Kaffee in Sepp Schleichers Wohnstube ganz genau zu: Von den Wänden und aus den Regalen blicken zahllose Kini-Augen. Schleicher ist ein Sammler von Kini-Schätzen. Jedoch keiner, der irgendwelchen Tand anhäuft.

Ein Tagebuch soll es bezeugen: Der König war nicht krank

"Sammler schreiben Geschichte", sinniert er. Denn in seinem kleinen Häuschen in der Oberpfalz befinden sich viele Stücke, die Ludwig II. gehört haben oder die er verschenkt hat. So wie die Taschenuhr, die er Richard Wagner zukommen ließ, und die kürzlich bei den Mineralientagen als Leihgabe zu sehen war. Und solche, die eben Dokumente der Geschichte sind. Schleichers aktuell wichtigster Schatz ist ein prächtiges Tagebuch mit reich verziertem Elfenbeindeckel. Geführt hat es Dr. Schleiß von Löwenfeld, der Leibarzt des Märchenkönigs, seit der ein neugeborenes Prinzchen gewesen war.

Dieses Tagebuch, davon ist Schleicher nach eingehendem Studium überzeugt, bezeugt, dass Ludwig völlig gesund war und keinesfalls psychisch krank. Er forscht jetzt akribisch weiter, um den König reinzuwaschen, von den Geschichten, die Schleicher für reine Propaganda eines nach Macht strebenden Prinzregenten hält.

Ruhig blickt der König auch durch das Wohnzimmer, den Flur, die Küche. Nur auf einem Bild in einem kleinen Nebenraum ist sein Blick anders, es scheint etwas hinter seiner Stirn vorzugehen. Läuft man so durch Schleichers kleines Reich, passt man höllisch auf, nichts herunterzuwerfen, so voll ist es von Sammlerstücken. Doch wie entsteht so eine Sammlung? Wie kommt man an eine mit der Madonna verzierte Petschaft heran, die Ludwig seiner Mutter schenkte? Und wie erkennt man sie eigentlich?

Den Anfang machte bei Schleicher ein Bild, ein Original aus einer Amtsstube. "Damals, mit 25, dachte ich, ich hätte da etwas ganz Seltenes erstanden. Da wusste ich noch nicht, dass diese Bilder natürlich überall in den Amtsstuben gehangen hatten", erzählt er lachend. Im Laufe der Zeit entwickle man einen Blick für die besonderen Stücke. Die Art, wie eben nur der ästhetisch akribische Kini seine Privatschätze und Geschenke verzieren ließ, Schwäne als Symbole der vollkommenen Schönheit, und seine persönlichen Wappen sind Hinweise.

Wer Sammlerstücke sucht, muss oft bis nach Frankreich fahren

Aus dem Repertoire eines kleinen Auktionshauses stammt das persönliche Goldbesteck – verziert nicht, wie im Auktionshaus geschätzt, mit dem Bayerischen Wappen, sondern dem persönlichen von Ludwig. "Ich habe mir damals Fotos schicken lassen und das Besteck von der Zeichnung wiedererkannt, die der Künstler ihm damals vorgelegt hat", erzählt Schleicher. Denn der Kini habe ganz genaue Vorstellungen gehabt und solcherlei Entwürfe dann mit Bemerkungen zurückgeschickt, bis ein Stück perfekt war.

Erstaunlich viele Sammlerstücke gibt es in Auktionshäusern zu kaufen, vor allem in Frankreich. "Als Ludwig starb, wurde sein Besitz ziemlich schnell Richtung Straßburg gekarrt", begründet Schleicher diesen kuriosen Umstand. Doch viele Stücke sind nur in Sammlerkreisen bekannt, oft jagt Schleicher ihnen jahrelang hinterher. Hier und da kommen Tipps und je mehr er über den Kini geforscht habe, umso eher habe er sich dann auch getraut, bestimmte Leute anzurufen, erzählt er. Zehn Jahre habe es gedauert, bis er das Tagebuch des Arztes von einem Professor erbte.

Was steht denn überhaupt darin über die mysteriösen Todesumstände des Märchenkönigs? "Es war kein Selbstmord", sagt Schleicher voller Überzeugung. Auf der Flucht habe ein Gendarm – wohl im Eifer des Gefechts – den entmündigten Ludwig und Dr. Gudden erschossen. Am liebsten würde Schleicher das Grab öffnen lassen, die Totenruhe soll aber nicht gestört werden. "Aber was gibt einem Toten mehr Ruhe, als wenn sein Tod aufgeklärt wird?", fragt sich der Sammler.

Es ist nicht Königstreue, aus der heraus sich seine Leidenschaft erklären lässt, die ihn inzwischen rund 1500 Stücke sammeln ließ. Es ist Bewunderung für den Menschen Ludwig. "Er hatte unglaubliche Visionen. Ein König, der sich so bewusst in die Natur und die Einfachheit zurückzieht, muss doch ein ganz besonderer Mensch sein. Ich glaube, mit der Art, wie er sein Leben gelebt hat, mit der Beziehung zu sich selbst und seinen Ideen zur Bildung, ist er für uns alle ein Vorbild", sagt Schleicher.

Auf jeden Fall muss Ludwig ein Kind gewesen sein, das unter außergewöhnlichen Umständen aufwuchs – freilich, ein Thronfolger springt nicht beim Fangermandl mit anderen Kindern auf der Straße herum. Stücke aus der Kindheit Ludwigs, die Schleicher natürlich auch in seiner Sammlung hat, zeugen davon. Fein säuberlich ausgemalte Bilder, kleine Gemälde und Scherenschnitte von Schiller, die der Lehrer ihm auftrug – mitsamt Aufsatz darüber, wie so ein Scherenschnitt anzufertigen sei.

Was soll aus der Sammlung werden? Klar, ein Kini-Museum

Kein Wunder, dass ein kleiner Junge bei solcher Erziehung, schon bald, wie Schleicher berichtet, seine Lieblingsstücke – Wilhelm Tell oder Die Räuber – auswendig konnte. Seine Erzieher und der Leibarzt waren voller Lob – aber an einem Königssohn mäkelt man auch nicht rum.

Viele der Preziosen in der Sammlung stammen aus Nachlässen. Und wem will Sepp Schleicher sie eines Tages vermachen? Der träumt von einem Museum. Aber keines in dem alles einfach in Vitrinen aufgereiht wird. Es soll eine Erlebniswelt ohne Eventcharakter sein. Die Besucher sollen den Kini erleben können, etwas für sich von ihm mitnehmen, gewissermaßen ein Stück auf dem (Märchen-)Königsweg gehen. "Es laufen Gespräche und sie werden konkreter", sagt Schleicher schmunzelnd.

Wo es hinkäme, sei noch nicht klar. Vielleicht in ein liebliches Tal.

 

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