AZ auf Jungfernfahrt Neue ICE-Trasse: Unter vier Stunden nach Berlin – mit dem Zug!

In vier Stunden rasen ICEs seit gestern von München nach Berlin. Foto: dpa

Am Freitag war Premiere für den neuen Super-Schnellzug. Die AZ ist mitgefahren - und die Redakteure erinnern sich daran, wie mühsam es bislang war.

 

München - Bahnreisenden, die den ultraschnellen ICE-Sprinter München-Berlin benutzen, sei angeraten, ihren Kaffee erst ab Ingolstadt zu ordern und ihn spätestens bis zum Nürnberger Hauptbahnhof zu leeren. Danach kann man wieder, etwa ab Erlangen, daran denken, etwas zu sich zu nehmen, was Flecken machen könnte.

Der Sprinter muss ordentlich Gas geben, um die 623 Kilometer lange Strecke zwischen der heimlichen und der echten Hauptstadt in einigen Minuten weniger als vier Stunden zu schaffen – zwei Stunden weniger als bisher. Da muss man mit maximalem Tempo über die Weichen rauschen – und das spüren die Passagiere auch. 132 Euro kostet die einfache, schnelle Fahrt regulär. In den kommenden Wochen sind aber auch Tickets unter 70 Euro zu bekommen.

Die freundlichen Zugbegleiter, die auf der Premierenfahrt am Freitag für das Wohl der Gäste zu sorgen hatten, müssen jedenfalls um ihr Gleichgewicht besorgt sein wie Stewards auf hoher See. Zwei lange Sonderzüge starten zur großen Eröffnungsparty. Und sie müssen zur gleichzeitigen Einfahrt in den blank gewienerten Berliner Hauptbahnhof überpünktlich sein. Alles andere wäre eine Riesenblamage gewesen.

Der aus München eingesetzte ICE 3 und dessen Führer geben aber ihr Bestes und alles klappt: Schon acht Minuten nach der holprigen (und um zwei Minuten verspäteten) Ausfahrt aus dem Hauptbahnhof erreicht der Zug Tempo 200. Auf den Bahnsteigen im Hauptbahnhof Ingolstadt schauen die Reisenden dem mit 130 Sachen durchrauschenden ICE hinterher. Das wird sich in der 100 000 Einwohner zählenden Stadt jetzt jeden Tag wiederholen, denn die ultraschnellen Sprinter-Züge halten zwischen München und Berlin nur ganze drei Mal: in Nürnberg, Erfurt und Halle.

Lärmschutzwände und Tunnel: Landschaft sieht man aus dem ICE kaum

Durch den Hauptbahnhof Bamberg geht es mit 130 km/h Richtung bayerisch-thüringische Landesgrenze. Ingolstadt, Bamberg und alle anderen an der Strecke liegenden Städte müssen mit etwas langsameren ICE-Verbindungen vorliebnehmen oder umsteigen – was dort zu Klagen führt.

Doch geklagt wird an diesem Freudentag nicht. Zumindest nicht in den beiden Sonderzügen mit hunderten von Ehrengästen. Vielmehr wird in Oberfranken die naturfreundliche Seite der Bahn beschworen. Für die "Mopsfledermaus" hat die Bahn eigens Höhlen gebaut. Der bei Lichtenfels nicht mehr schiffbare Main wurde zwar ein Stück weit verlegt, ist aber jetzt viel naturnäher, versichern die Ingenieure.

Nur kurz wird in einiger Entfernung die Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen sichtbar, ehe es mit 250 km/h in den ersten Neubautunnel geht. Ab hier wird es richtig komfortabel. Trotz Geschwindigkeiten zwischen 250 und 300 km/h schwappt kein Kaffee mehr aus der Tasse.

Für Sightseeing eignet sich die neue Schnellbahnstrecke allerdings nicht. Von der schönen Mittelgebirgsregion in Oberfranken und Südthüringen ist kaum etwas zu sehen. Tunnel, Erdwälle oder Lärmschutzwände wechseln sich in rasendem Tempo ab. An der Landesgrenze ist Tempo 300 knapp erreicht. Mit über 290 km/h passiert der ICE die ehemals scharf gesicherte Grenzlinie zur DDR. Mit 300 Sachen wird der Rennsteig unterfahren. In den wenigen Sekunden, in denen der Blick auf den Thüringer Wald freigegeben wird, erkennen die Reisenden, dass sie auf dem Scheitelpunkt der Neubaustrecke sind: Es liegt Schnee.

Nach Erfurt rast der ICE mit Tempo 300 durch Schneetreiben Richtung Halle. Man fühlt sich an die Uralt-Werbung der Bahn erinnert: "Alle reden vom Wetter – wir nicht". Wenigstens an diesem Tag gilt das. Und ab Sonntag werden viele Münchner es probieren – und zwei Stunden kürzer als bisher nach Berlin brauchen.


München-Berlin: AZ-Redakteure erinnern sich

Ralph Hub: Mit dem Nachtzug in die DDR

Erich Honecker und sein Staat waren Geschichte, die Mauer, der antiimperialistische Schutzwall bröckelte überall. Mit dem Nachtzug bin ich nach Berlin aufgebrochen. Motto: Schau dir die DDR an, solange es sie noch gibt. Im Liegewagen, das waren muffige Abteile, in denen man die Sitze ausziehen konnte. Da hing man dann halb liegend auf grüngemusterten, kratzigen Stoffsitzen, wie Löffel am Galgen.

Der Zug ratterte über ausgemergelte Schienen. Man hatte das Gefühl, jede einzelne Schwelle schickt Grüße in Richtung Bandscheibe. An der Grenze interessierte sich kaum mehr jemand für meine Papiere. Die meisten wollten eh nur raus und weiter in Richtung Westen.

In Berlin angekommen, fiel mein Blick im ehemaligen Todesstreifen auf einen Karton mit Büchern. „Wissenschaftlicher Marxismus-Leninismus“ hieß ein Titel. Ein Orden für „außergewöhnliche propagandistische Leistungen“ lag auch dabei. Die Herren Marx, Engels und Lenin zieren die Medaille.

Da hatte einer beim Rübermachen lästigen Ballast aus seiner sozialistischen Vergangenheit weggeworfen. Ich fand die SED-Relikte ziemlich spannend und hab’ sie eingesteckt. Sie stehen noch heute bei mir im Bücherregal.

Jasmin Menrad: Im Seniorenbus

Weil der Schwabe (Ich geb’s zu.) in Berlin eine der größten Migrantengruppen ist, fahre ich oft nach Berlin, um alte Schulfreunde zu besuchen. Als Studentin meist per Anhalter, weil das auf dieser Strecke erstaunlich gut funktioniert hat.

Eines freitags nahm mich von einer Raststätte der Fahrer eines alten Jaguars mit. Weil’s ein Cabriolet war, bot er mir zu meiner übergroßen Sonnenbrille ein Tuch an, das mir mit meinen selbst gefärbten Haaren ein divenhaftes Aussehen gab.

Im lockeren Geplauder („Wo musst denn hin?“, „Och, irgendwo an ‘ne U-Bahn oder S-Bahn wäre super“) stellte sich heraus, dass der Mann tatsächlich im Nachbarhaus meiner Freunde in Wedding lebte. Weshalb wir ihn später bei der Videothek wiedertrafen und mit auf eine Party nahmen.

Ein andermal drückte ich mich mit einer Freundin gefühlte Stunden an einer Tankstelle herum, doch niemand wollte uns mit Richtung München nehmen. Bis ich eine Gruppe älterer Gut-Drauf-Menschen ansprach, die den Busfahrer ihrer Senioren-Reisegruppe überredeten, uns mitzunehmen.

Die Gruppe aus Aschaffenburg reiste im Doppeldeckerbus. Nachdem alle Senioren ihre Erbsensuppe in der Bus-Bistro genannten Sitzgruppe gegessen hatten, wurden auch wir auf Erbsensuppe eingeladen. Deshalb frage ich: Gibt’s Erbsensuppe im ICE-Bordrestaurant?

Anja Perkuhn: Mitternachtsdöner

Die Liebe lebte in München, der Vertretungsjob war in Berlin, also pendelte ich ein halbes Jahr herum und kann versichern: Eine Fahrt, die sieben Stunden dauert, ist einfach nicht schön – egal, mit welchem Unterbau.

Da packte im wiesnbesucherproppevollen Nacht-Flixbus nach einer halben Stunde Fahrt der Vordermann den Döner aus, da schob sich im Mitfahrgelegenheitsauto beharrlich der blanke Fuß des Rücksitztrottels auf Schulterhöhe über die Sitzlehne. Im ICE war vom Wagen mit der Reservierung keine Spur. „Keine Ahnung, wo der ist“, sagte die Zugbegleiterin, „der war gestern schon nicht da, als wir den Zug bekommen haben.“ Die Reservierungsanzeigen fielen natürlich aus.

Oft träumte ich in diesen nackenverzerrenden Stunden von einem Pferd. Da hätte ich zwar viel länger gebraucht. Aber Hufen können immerhin kein Handy halten.

Robert Braunmüller: Im Ossi-Auto

Nach jedem Getucker durch das deutsche Mittelgebirge schwor ich mir, das nächste Mal mit dem Auto nach Berlin zu fahren. Ich hatte als Student keines, und einen Führerschein auch nicht. Das war in der elektronischen Steinzeit, noch vor der Erfindung des Internets, so um 1992 herum. Damals wandte man sich an eine Mitfahrzentrale. Eine Migrantin aus dem frisch beigetretenen Osten unseres Landes nahm mich mit. An Bord außerdem ein Hase (oder ein Meerschweinchen?). Die Dame machte klar, dass über Musik nicht diskutiert werden dürfe. Es gab ziemlich lauten Rock der eher billigen Art, den ich verabscheue. Der Hase (oder das Meerschweinchen?) kackte in seinen Stall.

Die Fahrerin kannte sich herkunftsbedingt nicht in West-Berlin aus. Und der Entschluss reifte, beim nächsten Mal doch wieder die Bahn zu nehmen und die Schönheiten des Saaletals und des Thüringer Waldes zu genießen.


AZ-Hintergrund

Die Strecke München-Berlin: 26 Jahre, 57 Kilometer Tunnel

Kurz nach der Deutschen Einheit, 1991, begannen die Planungen für die Schnellstrecke München – Berlin, deren letzter Abschnitt gestern eröffnet wurde.

Auf dem Abschnitt zwischen Nürnberg, Erfurt, Leipzig, Halle und Berlin wurden in knapp zehn Jahren rund 500 Kilometer Bahnstrecke neu- und ausgebaut. Die Länge aller 26 Tunnel beträgt zusammen 57 Kilometer. 37 Talbrücken wurden gebaut, darunter Deutschlands längste Eisenbahnbrücke (8,6 Kilometer) in der Saale-Elster-Aue bei Halle. Projektkosten: rund 10 Milliarden Euro.

Auf den Neubaustrecken fahren nun ICE-Sprinter mit bis zu 300 Stundenkilometern.

 

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