Austropop Wanda über ihr neues Album "Ciao!"

Die Welt von Wanda ist und bleibt bunt. Und auch musikalisch haben Marco Michael Wanda (Mitte), Manuel Christoph Poppe (2.v.r.) und Kollegen diesmal neue Farben entdeckt. Foto: Wolfgang Seehofer

Die Austro-Popper Wanda kehren mit dem Album "Ciao!" zurück und spielen in der Olympiahalle

 

Ihre beiden Alben „Bussi“ (2015) und „Niente“ (2017) schafften es jeweils auf Platz fünf der deutschen Charts. Mit ihrem vierten Album „Ciao!“ wollen Sie jetzt ganz hoch hinaus. Anders als der Titel verspricht, sind aber die italienischen Zeilen – bisher Wandas Markenzeichen – verschwunden. Thematisch bleiben sich die Österreicher aber treu: Amore lauert hinter jeder Ecke. Das Album handelt von Beziehungen, den zugehörigen Krisen und von Sehnsüchten. Musikalisch gehen Songs wie „Vielleicht“ über das von Wanda bekannte Spektrum hinaus. „Nach Hause gehen“ hat tanzbare Elemente, zudem wurde in Anlehnung an die Beatles experimentiert („Swing Shit Slide Show“).

AZ: Herr Wanda, Herr Poppe, im neuen Album ist wieder viel Pfeffer drin. Wie würden Sie es beschreiben?
MARCO MICHAEL WANDA: Ich finde, es funktioniert als Gesamtkonzept, es ist wie ein gut gewebter Teppich und nichts sticht besonders heraus. Ich würde dazu raten, es als Ganzes zu hören.

Wie kann man sich den Schaffensprozess vorstellen?
WANDA: Bisher haben wir das in Kellerstudios gemacht, wo man rauchend im Kreis geht und wartet, bis es passiert. Diesmal haben wir uns ein Haus an der tschechischen Grenze gemietet und hatten vor allen Fenstern Wald. Es war schön in diesem Klima zu arbeiten.
MANUEL CHRISTOPH POPPE: Es gab einen Fischteich, einen Fußballplatz und einen Grill. Wir haben uns selbst versorgt und in den Pausen Fußball gespielt. Es war wie eine Schullandwoche für Erwachsene, und statt einem Baumhaus wurde ein Album gebaut.

Und was passiert vor den Aufnahmen bei der Komposition?
POPPE: Marco verschwindet für ein paar Wochen und dann erscheint er mit einem Diktiergerät. Dann spielt er uns das vor, und dann mieten wir ein Haus. WANDA: Ich schreibe größtenteils die Lieder und die Texte. „Vielleicht“ ist von Christian Hummer und es gibt ein Instrumentalstück von Reinhold Weber, das er auf einem griechischen Saiteninstrument komponiert hat.

Ein wenig hat’s seit dem letzten Album 2017 gedauert. Haben Sie sich eine Pause gegönnt?
WANDA: Es waren ja eigentlich nur anderthalb Jahre. Ich nehme es als unglaubliche Geschwindigkeit wahr, wie überhaupt die letzten Jahre. Aus unserer Perspektive ging alles sehr schnell. Ich kann mich erinnern, als wäre es gestern gewesen, als wir vor 30 Menschen gespielt haben und jetzt sind es 20 000, 30 000, 40 000.

Was gibt Ihnen bei dieser Geschwindigkeit die Orientierung?
WANDA: Was uns sehr hilft, ist, dass wir Freunde sind und das auch schon waren, lange bevor wir Musik gemacht haben. Wir kennen uns und können uns gut zurückholen.
POPPE: Eltern und Geschwister sind zuhause, aber mit der Band ist ein Teil der Familie unterwegs dabei. Wenn einen der Zug überrollt, schaut man sich um und sieht: Hey, den anderen geht’s genauso.
WANDA: Und wir lieben, was wir machen. Das gibt unglaublich viel Kraft, das mit so vielen Leuten gemeinsam zu erleben.

Was sind das für Momente, wo Sie vom Zug überrollt werden?
WANDA: Schwierig waren die Jahre rund um den Hype, so 2014/2015. Am Anfang war es natürlich geil und „weiter, weiter“. Aber es hat nicht aufgehört, das Medieninteresse ist immer geblieben. Wenn man anfängt und es dann funktioniert, hat man auch die Angst, dass es wieder aufhört. Darum haben wir alles gemacht und der Publikumskontakt war so lohnend, dass wir es auch wollten. Aber irgendwie war es mir dann zu viel Kick und Euphorie.

Das klingt nach Überforderung: Ist es anstrengend, wenn dauernd Output gefordert ist?
WANDA: Zum Glück empfinde ich das ganze Leben als anstrengend und fühle mich damit schon sehr vertraut. Das Leben verlangt einem schon viel ab und ist genau wie die Karriere ein Auf und Ab. Es verlangt ja keiner von uns, Lieder zu schreiben, wir wollen das ja. Auf die Bühne zu gehen ist für mich das Normalste auf der Welt.

POPPE: Mit dem Album hätten wir auch bis 2025 oder 2030 warten können. Aber wieso zurückhalten, wenn die Songs da sind?
WANDA: Zum Glück geht es längst nicht mehr darum, was funktioniert. Wenn ich das wüsste, wär‘ ich Millionär.

Lernt man nicht, das abzuschätzen?
WANDA: Nein, ich glaub nicht, dass das geht. Also ich kann‘s jedenfalls nicht. POPPE: Dann müssten wir Naturwissenschaftler sein und keine Musiker.
WANDA: Ich kann nur tun, was ich kann. Wenn mich jemand fordert, dann bin ich das selbst. Wenn ich wochenlang kein gutes Lied schreibe, fühle ich mich nicht wohl.

„Ciao!“ ist also kein Abschiedsgruß?
POPPE: Das ist Begegnungseuphorie.
WANDA: Es kann ja beides heißen. In gewisser Weise verabschieden wir uns von einem Lebensabschnitt und gehen in den neuen hinein. Und ich habe das Gefühl, die Gesellschaft tut das auch.

Aus welchem Abschnitt geht’s in den nächsten?
WANDA: Das ist die Frage. Es gab so viele Versprechen seit den 60ern und jetzt interessiert mich: Gehen wir in eine bessere Welt oder eine schlechtere? In Österreich ist die Lage eine sehr spezielle, aber bei Armut, Reichtum und Konsum kann sich keiner ausnehmen.

Wie schaffen Sie es zur Zeit – speziell in Österreich – unpolitisch zu bleiben?
WANDA: Weil es nicht um Politik geht, sondern um Umverteilung. Das Problem der Welt ist Armut. Das thematisiert die Politik aber nicht, die ist sehr mit sich selbst beschäftigt und das langweilt mich. Ich sehe nicht ein, warum ich mich mit dieser herbeifantasierten Spaltung der Gesellschaft beschäftigen soll. Das verblasst doch neben den echten Problemen.

Wie holen Sie sich aus einer Überreizung wieder heraus?
POPPE: Fünf Wochen Urlaub, mehr braucht‘s nicht. In den ersten Jahren hatten wir das nicht, jede Woche waren Termine und wir konnten nicht einfach raus.

Mussten Sie lernen, sich diese Pausen zu nehmen?
WANDA: So viel Kontrolle habe ich gar nicht, oder ich sehe sie nicht. Das passiert eben einfach. Und solang gute Lieder rauskommen, passt’s.

Ein Dauerthema bei Ihnen sind Sehnsüchte. Woher kommt das?
WANDA: Ich denke, dass alle Menschen das in sich tragen. Das sind ja keine Roboter. Mein Job ist das aufzuschreiben, was vielleicht nicht gesagt wird. Ich glaube an ein kollektives Unterbewusstsein und das Verallgemeinerbare interessiert mich als Musiker und vor allem als Texter viel mehr als meine Individualität. Wenn ich Lieder schreibe, ist das der einzige spirituelle Ort in meinem Leben.
POPPE: Ich glaube, dass alle Menschen mehr oder weniger gleich intensiv empfinden, aber manche können es gut beschreiben. Solange ich nicht erfahre, was Marco sich dabei gedacht hat, finde ich mich in den Liedern wieder. Ich würde mich hüten, ihn danach zu fragen – das würde mir das Lied entreißen.

Es steht wieder eine Tour an. Was ist da Ihr liebster Moment?
POPPE: Eigentlich alles, vom ersten bis zum letzten Lied. Aber diese letzten Meter zur Bühne sind etwas ganz Besonderes. Wenn man in der Anspannung hinten herumläuft und dann mit kaltem Schweiß auf die Bühne tritt, in diese Welt, in der man dann mit dieser Weihefeier belohnt wird.
WANDA: Es ist wahnsinnig, wie viele Fremde in Kontakt kommen. Am Ende liegen sich alle in den Armen und wir sind sehr dankbar, dass wir das erleben dürfen. Solange das geht, ist alles wunderbar.

Wanda: „Ciao!“ (erschienen bei Vertigo/Universal). Die Band spielt am 29. Februar 2020 in der Olympiahalle, Karten unter Telefon 54818181

 

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