Ausstellung in der Villa Stuck Von Anspruch - und Maßlosigkeit

Alles zielt auf die Linse – der Saal des Film Guild Cinema mit Blick auf das „Screen– o–scope“ (1929). Foto: Kiesler-Stiftung

Der Architekt und Künstler Frederick Kiesler war ein Visionär des Theaters – unter dem Titel „Die Kulisse explodiert” ist der Tausendsassa in der Villa Stuck zu erleben

 

Sie meinen also, dass das Gretchen mit dem Motorrad zur Plattform hinaufjagt, oben das Lied am Spinnrad singt und dann im Lift in die Tiefe saust, während Faust und Mephisto im Kleinauto den Serpentinenweg heraufbrausen?” „Ich glaube nicht, dass wir den ,Faust’ spielen werden.” Diesen Dialog zwischen einem Kritiker und dem Architekten, Künstler und Theoretiker Frederick J. Kiesler hielt Karl Kraus 1924 fest. Kiesler wurde zu seiner avantgardistischen „Raumbühne” befragt, die aus einer gewaltigen Spirale bestand, in deren Mitte sich ein Aufzug befand – und die in der Kritik überwiegend durchfiel.

Unter dem Titel „Die Kulisse explodiert” konzentriert sich die Villa Stuck nun auf den theatralischen Aspekt im Schaffen des zwischen Genie, Größenwahn und Schrulle changierenden Gesamtkunstwerkers Frederick J. Kiesler (1890 in Czernowitz – 1965 in New York), der – Kiesler war ab 1934 Bühnenbildner für die New Yorker Juilliard School – allerdings einen bedeutenden Teil einnimmt. Die mit dem Theatermuseum Wien und der Madrider Casa Encendida organisierte Schau im Ateliertrakt der Stuck-Villa bietet Kieslers überbordende Ideenwelt in Skizzen, Modellen und Schriften opulent dar, und lässt seine ästhetischen Wendungen sichtbar werden – etwa vom Konstruktivismus zum Surrealismus und zu einer organisch-biomorphen Formensprache.

Der charismatische Tausendsassa, der weder Kunst- noch Architekturstudium beendet hatte, organisierte in Wien die internationale Ausstellung für neue Theatertechnik, für die er auch das „Leger-Trägersystem” entwickelte, das De-Stijl-Chefdenker Theo van Doesburg imponierte. Und er präsentierte seine „Raumbühne”, die ihn als totalitären Visionär offenbart. Schauspieler und Text erachtete er als überflüssig, als Relikte eines „toten Theaters”. Die in seinem Sinne zeitgemäßen Akteure waren Raum, Körper, Bewegung, Licht und Klang. Damit war er unter Konstruktivisten, Futuristen und Bauhäuslern in guter Gesellschaft, im klassischen Sprechtheater jedoch zunächst schwer vermittelbar. Das änderte sich in den 30ern und 40ern in New York.

Kiesler, der aufgrund der Wiener Ausstellung 1926 in die USA geholt wurde, war begeistert vom Kino, von den Stadien, den „Halls und Dancings”. Er gestaltete ein Filmtheater, in dem die Leinwand hinter einer gewaltigen Linse lag und endete bei der ganzheitlichen „Vision Machine. Man sieht in der Schau, wie sehr die Dimensionen von Kieslers Ideen-Kosmos seine Zeitgenossen forderten – und die Möglichkeiten der Realisierung überstiegen. Und sie zeigt Kieslers universalen Anspruch, aber auch die Maßlosigkeit im Denken. Er arbeitete an nichts weniger als am „Endless House”, „Endless Theatre”: eine archaische Höhle mit runden Zuschauer-Rängen, die an einen Riesen-Uterus erinnert. Für oben drauf schlug er, um den Grund optimal auszunutzen, gleich noch ein schön phallisches Hochhaus vor. Kein Wunder, dass Frederick J. Kiesler, vor allem unter Architekten, längst Kult ist.

Villa Stuck, bis 23. Juni, Dienstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr, Katalog (Brandstätter Verlag) 29.90 Euro

 

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