Ausstellung in der Pinakothek der Moderne Schön gewagte Überraschung

Kurzes Vergnügen: Der Galan sitzt schon am Fenster, die Maid (Rembrandt lässt grüßen) kann’s kaum fassen. Aus Leonaert Bramers Illustrationen zum Schelmenroman „Lazarillo de Tormes“. Foto: Staatliche Graphische Sammlung München

„Bettler, Diebe, Unterwelt“: Die famosen Illustrationen des Leonaert Bramer in der Pinakothek der Moderne

Dongggg! Schepper! Kawumm! Deftig geht’s hier zur Sache, dauernd bekommt Lazarillo eine Abreibung. Ganz zu schweigen von all den anderen Peinsamkeiten, die der arme Kerl erdulden muss. Das schreit förmlich nach Visualisierung, nach Storyboard, Comic und Graphic Novel. Im 17. Jahrhundert gab’s allerdings noch keine Sprechblasen, und auf den Zeichnungen des Leonaert Bramer (1596-1674) würden sie auch nur stören. So raffiniert, so delikat ist das grafische Werk des Künstlers aus Delft, das man jetzt in ausgewählten Zyklen und Einzelblättern in der Pinakothek der Moderne entdecken kann.

Und entdecken ist in diesem Fall keine Floskel. Bramer zählt zu den großen Unbekannten der Kunstgeschichte. Im „Goldenen Zeitalter“, der kulturellen und wirtschaftlichen Blütezeit der Niederlande, war er neben Jan van Goyen oder Rembrandt einer der produktivsten, hoch geschätzten Maler und bekannter als der jüngere Vermeer.

Womm! Bramer hat Sinn für derbe Scherze

Schon die ersten, mit rasanter Feder hingeworfenen Zeichnungen zeugen von außergewöhnlichem Formgefühl, Sinn für Dramatik wie Komposition – und Humor. Mal anspielungsreich erotisch, wenn er ein beim Liebesspiel gestörtes Paar zeichnet, dessen weibliche Hälfte sofort an Rembrandts Bathsheba erinnert (Nr. 41 aus dem „Lazarillo“). Oder sehr gewagt, ja sogar blasphemisch, wenn er einer heuchlerischen Witwe Habitus und Gewand der betenden Madonna gibt (Nr. 35 aus „Los Sueños“), was selbst heute noch irritiert. Und dann immer wieder ziemlich derb wie in der Szene, in der Lazarillo seinen alten Herrn, einen fiesen, blinden Geizkragen, beim Sprung über einen Fluss frontal auf einen mächtigen Pfeiler knallen lässt. Womm! Man hört beim Betrachten den dumpfen Rumpler.

Dass solche Grafik seinerzeit eher unterm Ladentisch den Besitzer gewechselt hat, liegt auf der Hand. Die Geschichte des Total-Losers „Lazarillo de Torres“ wurde in Spanien eh gleich nach dem Erscheinen 1554 verboten. Was die Popularität nur noch beflügelte und den Schelmenroman aus dem Milieu der Bettler und Taugenichtse, der Kriminellen und Huren in ganz Europa zum Hit werden ließ. Bis heute ist „Lazarillo“ das Volksbuch der Spanier schlechthin. 1646 war es allerdings ein echtes Wagnis, den „Bestseller“ zu illustrieren.

Kennerkunst fürs stille Kämmerlein

Bramer tut das mit 72 Zeichnungen, und natürlich schnell. Auch bei anderen Zyklen wie Francisco Gomez Quevedos’ zynisch kirchen- und gesellschaftskritischen „Los Sueños“ („Träume“), die zur spanischen Hochliteratur gehören – es riecht schon nach Goyas "Desastres" – oder den kürzlich von der Graphischen Sammlung erworbenen Illustrationsfolgen zu Livius’ „Ab urbe conditia“ liefert er hohe Blattzahlen mit einer dichten, fast schon kinematografischen Szenenfolge.

Seine belesenen Kenner-Kunden und Anhänger schätzen diese Unikate – das war Kunst für den sehr privaten Genuss im stillen Kämmerlein. Und sicher auch ein Grund dafür, dass Bramer, der sich in Rom bei Elsheimer und den Caravaggisten den letzten Schliff holte, nicht nur in deutschen Landen bald in Vergessenheit geriet. Dabei haben sich neben den etwa 1300 (!) Blättern – immerhin 200 davon besitzt die Graphische Sammlung – rund 350 Gemälde von ihm erhalten.

Und manches kam auch nicht zu jeder Zeit an. Wilhelm von Bode ätzte 1894, Bramer habe kein Verhältnis zur Figur. Doch auch ein herausragender Museumsmann kann sich irren. Und tatsächlich überzeugen im Vergleich zu den Schilderijen, der Malerei also, eher die Zeichnungen.

Da nimmt sich der findige Künstler ganz erstaunliche Freiheiten und spitzt den Stift für heftige Angriffe auf den Klerus, Geistvolles für wissende Genießer, überbordende Dekolletés, handfeste Saufereien und all das Gemenschel, über das man nicht nur zu Zeiten Bramers – offiziell – das Näschen gerümpft hat. Um sich sodann gierig darin zu versenken.

"Bettler, Diebe, Unterwelt: Leonaert Bramer illustriert spanische Romane", Pinakothek der Moderne, bis 9. März 2013, Di bis So 10 bis 18, Do bis 20 Uhr, Kurator Achim Riether, Kataloge (Deutscher Kunstverlag) 34.90 und 19.90 Euro

 

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