Ausstellung Grauenhaft gemütlich

Karl Arnold führt uns hier den "Grauenvollen Selbstmord eines Münchners" (1923) vor Augen. Foto: Staatliche Graphische Sammlung München

Die Graphische Sammlung erinnert in der Pinakothek der Moderne an den Simplicissimus-Karikaturisten Karl Arnold

 

Dieser Münchner ist eine wenig imposante Kreatur: Der Dickwanst mit Knollennase hält sich an Bier und weißblauer Tabakspfeife fest, in seinen Augen blitzen Hakenkreuze. Karl Arnold (1883–1953) porträtierte 1923, nach dem niedergeschlagenen Hitler-Putsch, den typischen Eingeborenen der späteren „Hauptstadt der Bewegung” für den „Simplicissimus”, und machte damit deutlich, welch ein günstiger Nährboden die Stammtisch-Gemütlichkeit der bayerischen Metropole für den aufkommenden Nationalsozialismus war.

Die Graphische Sammlung in der Pinakothek der Moderne widmet dem Pressezeichner jetzt eine umfassende Retrospektive, die erstmals das gesamte Werk präsentiert: von den Malversuchen an der Akademie über seine Zeichnungen für die „Liller Kriegszeitung” aus dem Ersten Weltkrieg bis zu den „Simplicissimus”-Blättern, die nach 1933 unter dem Hitler-Regime entstanden. Da trug die legendär bissige, rote Titel-Dogge längst einen Maulkorb und Arnold verlegte sich mehr aufs Karikieren der Kriegsgegner und zahnlose Spießbürger-Witze.

Klare Konturen, fester Federstrich

Seine kreative Hoch-Zeit waren hingegen die Zwanziger Jahre. Im Gegensatz zu den älteren Kollegen Thomas Theodor Heine und Olaf Gulbransson hielt er sich häufiger in Berlin auf und brachte Großstadt-Szenen, die an Grosz und Dix erinnern, in die Münchner Satire-Zeitschrift. Klare Konturen, fester Federstrich, eher neusachlich als in der Tradition des Jugendstils – Arnold modernisierte sie auch formal. So integrierte er den berühmten Titel-Schriftzug als Element ins Bild, brachte ihn für die Faschings-Ausgabe 1925 sogar in Schräglage.
Hitlers Ernennung zum Reichskanzler kommentierte der Nazi-Gegner noch mit bitterem Sarkasmus – wenn auch sein Humor nie ganz so ätzend wie der von Th. Th. Heine war. 1932 stellt er Hitler als eher lächerlichen „braunen Engel” dar, der unter anderem den „Rassenzuchterlass” und ein „Arbeitslosenverbot” im geschnürten Geschenkpaket für den Reichstag hält. Und schon 1933 warnte er drastisch vor dem Krieg, in dem der Tod immer der einzige „Kriegsgewinnler” ist.

Im selben Jahr aber unterschrieb die Simplicissmus-Redaktion eine Note, dass man fortan nicht gegen den Nationalsozialismus agitieren würde. Arnold, Vater von vier Söhnen, machte weiter. Auch wenn er in keine der Institutionen des Dritten Reiches eintrat, stand er wohl aufgrund seiner antifranzösischen Ressentiments und der Beiträge für die Liller Kriegszeitung unter dem Schutz des „Führers”.

Allerdings hing das Damoklesschwert, dass seine Hitler-Karikaturen doch noch aufs Tablett gehoben würden, über ihm. In den Zeichnungen der NS-Zeit versuchte er dennoch, subversiv Kritik an den Verhältnissen zu üben. 1938 mokierte er sich über die gleichgeschaltete Presse: „Welche Illustrierte soll man sich nun kaufen, sind ja alle gleich.” – „Na, na, schaun S’nur g’nau hi’, die Mäderl lächeln ganz verschied’n.” 1942 erlitt Arnold einen Schlaganfall, konnte nicht mehr zeichnen, lebte aber noch elf Jahre. Für den wachen Kommentator des Zeitgeschehens, der schon lange nicht mehr alles zu Papier bringen durfte, was ihn beschäftigte, war das, so Kurator Andreas Strobl, die „Höchststrafe”.

Pinakothek der Moderne, bis 2. September, Di – So 10 bis 18, Do bis 20 Uhr, Katalog 28 Euro

 

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