Ausstellung: „Aufbruch in die Moderne“ Paula Modersohn-Becker im Buchheim Museum

Paula Modersohn-Becker „Mädchenakt mit Blumenvasen“ (um 1907). Foto: Schenkung 1952 von Eduard Freiherr von der Heydt

„Aufbruch in die Moderne“: Paula Modersohn-Becker ging mit offenen Augen durch die Welt der Kunst: eine Ausstellung im Museum Buchheim

 

Ob ihr der Rummel gefallen hätte? Die Berge von Postkarten mit den Mädchen, die sie berühmt gemacht haben, und all die kämpferischen Biografien und dramatischen Filme? Die Selbstfindungswochenenden nur für Frauen oder die Touren nach Worpswede „auf den Spuren von Paula Modersohn-Becker“? Und die Vielzahl von Ausstellungen?

Man attestierte ihr „weibliches Unvermögen“

Manches wäre sicher eine Genugtuung; die 1876 geborene Malerin musste sich einiges anhören über „weibliches Unvermögen“. Gleich ihre erste Schau 1899 in der Bremer Kunsthalle fiel ja auch gnadenlos durch, und fast 120 Jahre später schreibt ein Kritiker immer noch von Modersohn-Beckers „unschuldigem Kindervolk“, dem die „Mädchenakte“ der „Brücke“-Künstler Kirchner, Heckel und Schmidt-Rottluff „bis heute die Show stehlen“. Und das „in entfesselter Farbhandschrift“.

Den „Brücke“-Leuten  nonchalant vorausspaziert

Der Vergleich ist mindestens haarig, und man hat gerade bei „Fränzi“, dem Kindermodell der „Brücke“-Männer, nicht erst heute ein flaues Gefühl, wenn die kaum Zehnjährige wie in Erich Heckels Farbholzschnitt von 1910 wieder einmal nackt vor dem Betrachter liegt. Die Maler waren von den „natürlichen Bewegungen“ hingerissen, als sie das Mädchen an den Moritzburger Teichen nahe Dresden in allen möglichen Posen einfingen. Modersohn-Becker hat sich in diesem Zusammenhang für ganz andere Phänomene interessiert – und ist den „Brücke“-Leuten ziemlich nonchalant vorausspaziert. Auch das will eine Ausstellung um die Künstlerin im Buchheim Museum vermitteln.

Zuviel Kirchner und Pechstein statt Modersohn? 

Praktischerweise sind dazu die applaudierenden Worte Lothar-Günther Buchheims überliefert. Der sah in Paula Modersohn-Becker „eine der bedeutendsten Erscheinungen des deutschen Expressionismus“, und das zu einer Zeit, „als die Brückemaler ihrer Stilmittel noch recht ungewiss waren“. Schade nur, dass der Museumsgründer doch vornehmlich bei den Herren Kirchner, Pechstein und Kollegen zugriff. Bis zum Ankauf des „Birkenstamms vor Heidelandschaft“ (1901) mit Hilfe der Siemens Kunststiftung gab es in Buchheims Sammlung lediglich ein Werk Modersohn-Beckers: die um 1900 entstandene „Moorlandschaft mit Birkenstämmen“, ersteigert im Jahr 1961.

Lothar-Günther Buchheim sammelte 

Beide Bilder sind nun in einen erhellenden Mix aus Porträts, Stillleben, Kinderbildnissen und eben Landschaften gefügt. Die Avantgarde war hier auf leisen Sohlen unterwegs, erdtonig in der Farbgebung, und es geht bei diesem „Aufbruch in die Moderne“ – so der Untertitel der Schau – nicht um eine chronologische Reihung, sondern um fruchtbare Dialoge und Anregungen, besonders aus Frankreich.
Viermal fuhr Modersohn-Becker nach Paris und neben Auguste Rodin – die Offenbarung –, Vincent van Gogh, dem Barbizon-Maler Camille Corot sowie den „Nabis“-Vertretern Édouard Vuillard und Maurice Denis hat vor allem Paul Cézanne einen gewaltigen Eindruck auf die junge Frau gemacht: „Wie ein Gewitter und ein großes Ereignis“ wird sie 1907 im Rückblick notieren. Mit dieser Rezeption ist sie gewiss kein Einzelfall, auch die „Brücke“-Künstler landen fast zehn Jahre nach ihr bei Cézanne. Doch Modersohn-Becker lässt sich bewusst auf dessen Bildaufbau ein, auf das Strukturieren einer Landschaft oder eines Obsttellers auf einem plastisch sich bauschenden Tischtuch.

Das ist jetzt bei den Stillleben schön zu verfolgen, wenngleich es Passenderes als Cézannes „Blumen und Früchte“ aus einer Zürcher Privatsammlung gäbe. Man denke an das „Stillleben mit Kommode“ aus der geschlossenen Neuen Pinakothek. Stattdessen öffnen sich bei den Landschaften herrliche Bezüge wie etwa zu einer Baum-Studie von Corot (um 1865) aus dem Lenbachhaus, über die der Weg dann wieder zurück zu den Anfängen in Worpswede und zu ihrem Mann und Ermutiger Otto Modersohn führt.

Ihr Mann und Ermutiger: Otto Modersohn

Wie sehr sich die beiden tatsächlich auch beflügelt haben, zeigen zwei Ölbilder von 1903. Sie malt ein „Mädchen mit Schafen am Weiher“, er ein im Grunde „moderner“ anmutendes, auf Flächen reduziertes „Mädchen am Moorkanal“ mit dunkelrotem Kleid, und man muss schon die Signaturen bemühen, um die Arbeiten zuordnen zu können. Dabei ist es ja Paula, die sich sonst von Farbstimmungen leiten lässt. Die Ehe ist ein dauerndes Auf und Ab geworden, Otto kämpft um seine Frau, während sie hinaus und nach vorn rudert. Immer auf der Suche nach neuen Inspirationen.
Am Ende ist es ausgerechnet der Zivilisationsflüchtling Paul Gauguin, den sie 1905 beim Pariser Sammler Gustave Fayet ausgiebig studieren kann und der sie ungemein fasziniert. Davon erzählt ein hinreißender, zwei Jahre später entstandener „Mädchenakt mit Blumenvase“, der bei allem exotischen Zauber die Unaufgeregtheit und das Körperverständnis Modersohn-Beckers vor Augen führt. Dieser Akt gehört zu den letzten, durchaus farbschillernden Höhepunkten im Œuvre der Künstlerin und überhaupt des Bernrieder Überblicks, der durch zahlreiche Leihgaben aus dem Von der Heydt-Museum in Wuppertal möglich wurde.

1907 kurz nach der Geburt der Tochter: Tod durch Embolie 

Unwillkürlich fragt man sich, wie es weitergegangen wäre. 1907 ist ja ein irres Kunstjahr. Noch im Juli wird Pablo Picasso mit den „Demoiselles d’Avignon“ fertig und stellt damit die Kunst völlig auf den Kopf. In Dresden sind die „Brücke“-Leute mächtig am Rühren, und genauso arbeitet Paula Modersohn-Becker wie eine Besessene – bis dieses Künstlerleben im November, wenige Tage nach der Geburt ihrer Tochter, durch eine Embolie ein abruptes Ende nimmt.
Diese Malerin lässt sich nicht festzurren, auch das zeigt die Buchheim-Schau. Und vielleicht sollte man dazu übergehen, sie mit ihrer Kunst nicht ständig einzureihen. Was Kirchner, Heckel und Konsorten betrifft, ist das weniger zielführend, als man glauben möchte.  
    
„Paula Modersohn-Becker. Aufbruch in die Moderne“ – bis 8. März, Buchheim Museum, Bernried, Di – So und feiertags 10 – 17 Uhr, Katalog 20 Euro
 


 
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