Ausbildung bei der MVG München: Diese Geflüchteten sind jetzt Bus- und U-Bahnfahrer

Joan Ahmed, George Kasho und Habib Hakimi (von links nach rechts) haben eine Ausbildung bei der MVG gemacht und arbeiten jetzt als U-Bahn- und Busfahrer. Foto: Daniel von Loeper

Seit 2017 bildet die MVG Geflüchtete zu Fahrern aus. Der AZ erzählen sie von ihren Erfahrungen im neuen Job in Bus und U-Bahn.

 

München - In letzter Sekunde klemmt sich jemand in die U-Bahntür. Ein Radlfahrer kommt aus dem Nichts und schießt vor dem Bus vorbei, wegen Schneefalls gibt es überall Ausfall – und genervte Fahrgäste.

Wer Fahrer bei den Öffentlichen ist, trägt Verantwortung für eine Menge Menschen und muss stets einen kühlen Kopf bewahren. Diesen Anforderungen wird nicht jeder gerecht, gleichzeitig gibt es einen riesigen Bedarf an Fahrern: über 300 stellt die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) jedes Jahr neu ein. Deswegen hat die MVG ein neues Ausbildungsprogramm aufgelegt: Geflüchtete, denen in Deutschland Asyl gewährt wird, können sich in einem speziellen Lehrgang zum Fahrer ausbilden lassen.

Seit 2017 läuft das Programm. Die Klassen bestehen aus 15 bis 20 Teilnehmern, ungefähr einem Drittel gelingt es auf Anhieb, in den Fahrdienst überzuwechseln. Dies waren bisher fast immer Männer, heuer ist zum ersten Mal auch eine Frau in der Ausbildung. Knapp 30 Geflüchtete Fahrer sind bereits im Einsatz. Die AZ hat mit dreien gesprochen.

Busfahrer bei der MVG: Anfangs noch nervös

"Ein kleines Abenteuer" sind neue Strecken immer noch für ihn, erzählt George Kasho. Er ist 51 Jahre alt und seit vergangenem Jahr Busfahrer bei der MVG. Kurz nachdem er als Fahrer anfing, habe er bei jeder Fahrt Bauchschmerzen gehabt. Inzwischen hilft die Routine.

2014 musste Kasho mit seiner Familie aus Syrien fliehen. Er hat in Aleppo technisches Zeichnen studiert und war dort als Assistent tätig. Nach seinem Studium arbeitete er in einer Fabrik und hatte dort eine leitende Funktion inne. 2013 verlor er seine Stelle und kam im folgenden Jahr nach Deutschland. Hier war er zum Neuanfang gezwungen: Über eine Zeitspanne von drei Jahren absolvierte er Sprach- und Integrationskurse. Bei einem davon wurde er auf das Angebot der Münchner Verkehrsgesellschaft aufmerksam gemacht.

Dort begann er 2018 mit seiner Ausbildung. Dazu gehörte auch ein Fachsprachkurs, bei dem er Worte wie "Bremskreislauf" oder "Federspeicher" lernen musste, "Vier-Ventil-Bremsanlage war glaube ich das schwerste Wort", sagt George und lacht. Als er sich am Schluss entscheiden musste, ob er lieber Bus- oder U-Bahn-Fahrer werden möchte, fiel die Entscheidung nicht schwer: "Ich stehe gerne in Kontakt mit Menschen. In der Fahrerkabine der U-Bahn ist man den ganzen Tag allein, deswegen habe ich mich fürs Busfahren entschieden."

Der Job gibt ihm das Gefühl, einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten. Und für Basketball im Park bleibt an seinen freien Tagen auch noch Zeit.

MVG: Sprachtalent am Steuer

Habib Hakimi (36) spricht Persisch, Dari und Paschtu – und seit ein paar Jahren auch Deutsch. 2010 zog er aus Teheran nach Deutschland, wo er als Verkäufer gearbeitet hatte. Ursprünglich kommt er aus Ghazni in Afghanistan. Mit 14 Jahren floh er von dort in den Iran, einen Schulabschluss hat er wegen des Krieges nicht.

Bei der MVG konnte er sich 2017 zum U-Bahnfahrer ausbilden lassen. Als Gast mitzufahren findet er mittlerweile ziemlich interessant, vor allem, wenn es eine Betriebsstörung gibt: "Da weiß ich, dass der Fahrer im Dienst gerade voll im Stress ist." Über den sicheren Arbeitsplatz freut er sich genauso, wie dass er nach acht Stunden Arbeit dann auch seine Ruhe hat, um mit der Familie Zeit zu verbringen.

Ruhe in der Kabine und schwierige Abkürzungen

"Die Abkürzungen zu lernen, fand ich ziemlich schwierig. Zum Beispiel FGR für ,Fahrgastraum’", sagt Joan Ahmed (33). Der erste Tag allein in der Fahrerkabine der U-Bahn war aufregend für ihn. "Aber ich fand auch gut, nicht die ganze Zeit beobachtet zu werden, sondern in Ruhe fahren zu können", erzählt er der AZ.

Früher sei er gerne Auto gefahren, "dabei konnte ich entspannen". Das genießt er jetzt beim U-Bahn-Fahren - außer, wenn am Hauptbahnhof Leute zu nah an der Bahnsteigkante stehen. Dann wird er nervös.

Ahmed hat in Aleppo Naturwissenschaften studiert, bevor er 2012 nach Deutschland kam. Bei einem Schnuppertag entdeckte er den Beruf U-Bahnfahrer für sich – und wurde das dann auch.


So viel verdient ein U-Bahnfahrer

Während der Ausbildung bekommt ein U-Bahnfahrer ca. 2.400 Euro. Später gibt es für manche Schichten Zulagen, sodass das Gehalt bei ca. 2.700 Euro liegt. Azubi-Busfahrer verdienen 2.210 Euro, später sind es 2.510 Euro. Zudem gibt’s Gratis-Heimfahrten mit dem Taxi, wenn bei Dienstende keine Öffentlichen mehr unterwegs sind.

Lesen Sie hier: Immer mehr Betriebe bilden Flüchtlinge aus

Lesen Sie hier: Neuregelung beim Familiennachzug - Knapp 9.000 Visa erteilt

  • Bewertung
    110