Augenzeuge Richard Gutjahr Attentat von Nizza: "Das ist wie nach einem Krieg"

"Das war ein wirklich grauenvoller Anblick", sagt Richard Gutjahr mit zittriger Stimme, als er über die auf dem Asphalt verstreuten Leichname spricht. Foto: Richard Gutjahr/ARD

Der Münchner Journalist Richard Gutjahr ist Augenzeuge des blutigen Attentats von Nizza. Hier erzählt er seine Geschichte der Horror-Nacht. Der Moderator, Journalist und Blogger, der derzeit für den BR und den WDR arbeitet, ist noch immer vor Ort in Nizza.

 

Nizza - Richard Gutjahr wollte einfach nur ein erholsames verlängertes Wochenende im sonnigen und warmen Nizza verbringen und zum ersten Mal den französischen Nationalfeiertag erleben. Doch stattdessen wird der Münchner Augenzeuge des blutigen Anschlags, der mindestens 84 Menschen das Leben kostet.

Die schrecklichen Szenen spielen sich direkt vor dem Balkon seines Hotelzimmers ab. Der BR- und WDR-Mitarbeiter filmt mit. Im Gespräch mit der AZ erzählt Gutjahr von seinen Erlebnissen. Er wirkt dabei gefasst, spricht ruhig. Doch einmal fehlen ihm kurz die Worte.

AZ: Herr Gutjahr, Sie haben den Anschlag hautnah miterlebt. Was haben Sie gesehen?
Richard Gutjahr: Zuerst lachende Menschen, glückliche Familien und viele Touristen, die auf der Promenade des Anglais friedlich den Nationalfeiertag gefeiert haben. Man kann sich das wie eine Fanmeile beim Fußball vorstellen. Die Straßen waren abgesperrt, die Menschen waren über die Promenade verteilt.

Und dann?
Dann nähert sich plötzlich langsam, wirklich langsam, ein weißer Lkw. Der ist nicht mit Hundert Sachen reingebrettert, sondern ist ganz bedächtig gefahren. Und dann kam ein Motorradfahrer hinterher und versuchte irgendwie, ins Fahrerhaus zu kommen. Das war eine Szene wie in einem James-Bond-Film.

Zu diesem Zeitpunkt weiß die Polizei offenbar bereits, dass etwas nicht stimmt...
Ja, die haben den wohl schon eine Weile verfolgt, sind ihm nachgefahren. Und auf der Höhe des Hotels, in dem ich abgestiegen bin, haben sie den Lastwagen dann eingeholt, und versucht, während der Fahrt die Tür zu öffnen. Das ist aber nicht gelungen. Der Polizist oder der Mann, ich weiß ja nicht ob es ein Polizist war, der ist abgerutscht oder weggestoßen worden und ist dann unter die Räder des Lkws geraten.
Zur gleichen Zeit waren da noch zwei Polizisten, die an der Straßenecke warteten und offenbar schon gewusst haben, dass der Lkw kommt. Und die haben mit ihren Waffen jeweils einen Schuss auf das Fahrerhaus abgegeben. Zu diesem Zeitpunkt fuhr der Lastwagen noch langsam.

"Es lagen leblose Körper auf dem Asphalt verstreut"

Dann beschleunigt er.
Genau. Der ist nicht schon zwei Kilometer lang an der Promenade langgebrettert, sondern hat wirklich erst auf der Höhe meines Hotels Gas gegeben. Das waren nur 200 Meter, zwei Häuserblocks, auf denen sich das gesamte Blutbad ereignet hat. Dann kam der Wagen endgültig zum Stehen.

Wie schnell war er davor unterwegs?
Das kann ich nur ganz schwer sagen, aber viel zu schnell natürlich für die Menschen.
Als er dann zum Stehen kam, dauerte es nur ein paar Sekunden, bis man in regelmäßiger Abfolge Schüsse aus mehreren Waffen hörte.
Ob der Fahrer selbst auch geschossen hat, das weiß ich nicht. Ich habe nach Deckung gesucht, habe nichts gesehen, nur gehört. Etwa 20 Sekunden lang war ein Schusswechsel zu hören.

Dachten Sie da bereits an einen Terror-Anschlag?
Der Schusswechsel, das war der Moment, wo auch ich gemerkt habe: Nein, das kann kein betrunkener Fahrer gewesen sein, der hier zufällig auf die falsche Fahrbahn gekommen ist. Sondern das muss wieder einer dieser Fälle sein, von denen auch ich bisher nur aus der Zeitung oder aus dem Fernsehen gehört habe.

Sie gehen kurz darauf auf die Straße runter. Was haben Sie erlebt?
Das war ein wirklich grauenvoller Anblick (seine Stimme zittert, er sucht nach Worten).
Ich habe zuerst nicht glauben können, was ich gesehen habe. Es lagen tote, leblose Körper auf dem Asphalt verstreut. Die Verletzten lehnten sich an die Palmen und legten sich auf die Fahrbahninsel. Menschen schrien um Hilfe, andere sagten einfach gar nichts. Ich blickte in geschockte Gesichter.
Ich bin dann in die Foyers zwei benachbarter Hotels gelaufen. Dort wurden Verletzte versorgt und von Anwohnern und Hotelangestellten betreut.

Was passierte in diesen Minuten draußen auf der Straße?
Für eine Weile herrschte eine ganz gespenstische Ruhe. Erst als sich auch die Polizei vom ersten Schock erholt hat, wurden die Leute aus dem Gebiet gebracht, Barrieren aufgestellt und die Verletzten von Krankenwagen abtransportiert.
Auch Helikopter kamen dann angeflogen, vermutlich um die Szenerie aus der Luft zu überwachen oder um Verwundete abzutransportieren.

Welches Bild erlebten Sie am Tag danach?
Es war ein strahlender Sommertag. Eigentlich sind gerade Sommerferien und es ist Urlaubshochsaison. Viele Familien mit Kindern sind hier.
Doch das spiegelt sich ganz und gar nicht in dem wieder, was man hier jetzt sieht. Die ganze Strandpromenade ist auf gut zwei Kilometer völlig ausgestorben. Patrouillierende Polizisten sind die einzigen Menschen auf der Straße. Das ist wie nach einem Kriege oder dem Ausbruch einer Seuche.

Wie fühlen Sie sich jetzt?
Ich habe das noch gar nicht wirklich verarbeitet. Dazu hatte ich auch noch nicht die Zeit. Ich bin jetzt seit zwölf Stunden im Einsatz, berichte von hier.

 

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