Augenzeuge berichtet Taksim-Platz: "Es sieht aus wie im Schlachthaus"

Anwalt Eren Malkoc (29) Foto: AZ

Eren Malkoc (29) erlebte die Aktionen der Polizei in Istanbul hautnah mit. Der Anwalt setzt sich für festgenommene Demonstranten ein. Ein AZ-Interview.

 

AZ: Herr Malkoc, in der Nacht räumte die Polizei den Taksim-Platz. Wie ist die Lage jetzt?

Eren Malkoc: Es war in der Nacht der schwerste Angriff seit 15 Tagen. Es ist bezeichnend, dass die ganze Welt dorthin schaut und sieht, dass unser Premier vor nichts zurückschreckt. Der Polizei wurde der Einsatz befohlen. Es ist wichtig, dass die Welt das weiß. Im Augenblick ist es regnerisch, aber es sieht trotzdem aus wie im Schlachthof. Am Abend wird sich der Platz wieder füllen, denn die Menschen gehen auch so dorthin. Im Moment ist alles ruhig.

Wie fühlen sich die Demonstranten im Protest-Camp?

Die Leute dort halten immer mehr zusammen, weil sie wissen, dass sie für ihre Rechte kämpfen. Das einzige, was traurig macht, ist die Art, wie die Polizei eingegriffen hat. Wie haben Sie die Demos erlebt? Ich bin seit dem 31. Mai dabei und habe die Lage beobachtet – als Jurist und für mich privat. Schon die ersten Polizei-Angriffe waren sehr schmerzhaft, und wir wussten nicht, wie wir reagieren sollten. Ich versuche mit Kollegen, diejenigen, die verhaftet worden sind, juristisch zu vertreten. Aber wir wissen nicht, wo wir anfangen sollen.

Schockiert sie die Gewalt der Polizei?

Im Grunde weiß die Regierung Erdogan, dass sie die Polizei zu solchen Aktionen zwingt. Viele Polizisten wären sonst auf unserer Seite.

Wie berichten die Medien über die Polizeiaktionen? Es ist traurig zu sehen, dass auch die Medien mit dem Staat zusammenarbeiten. Außer zwei kleinen TV-Sendern haben die Medien in den ersten Tagen die Proteste totgeschwiegen – obwohl sie mit Übertragungswagen vor Ort waren. In der Türkei gibt es keine Pressefreiheit. Jetzt zeigen zwar alle Sender Bilder und Berichte von den Demonstrationen, aber Erdogan lässt sie kontrollieren. Die Proteste entzündeten sich an einem Bauprojekt.

Ist dies immer noch der Grund? Erdogan könnte mit einem Wort veranlassen, dass im Park nicht gebaut wird und kein Baum gefällt wird. Aber er hat wie ein kleines Kind immer gelogen und verzögert. Das hat den Protest der Menschen verstärkt.

Was wollen die Demonstranten jetzt?

Das Bauprojekt im Park ist jetzt nicht mehr das Problem. Sondern, dass Erdogan den Leuten sogar vorschreiben will, wie viele Kinder sie kriegen sollen. Er will einfach alles vorschreiben. Er zerstört, was Atatürk aufgebaut hat, er will sogar Feiertage verbieten. Mich wundert, dass so viele Studierte und besser verdienende Menschen demonstrieren. Normalerweise fühlen sich ja die kleinen Leute unterdrückt.

Welche Zukunft haben die Prosteste? Das fragen sich auch die Demonstranten. Erst einmal hoffen wir, dass der Staat nicht faschistisch mit den Menschen umgeht und dass im Park alles so bleibt, wie es ist. Etwas anderes kann und will ich momentan nicht denken.

 

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