Aufführung am Sonntag Philharmonie: Münchner Komponist Moritz Eggert probt Fußball-Oratorium

Philharmonie: Münchner Komponist Moritz Eggert probt Fußball-Oratorium Foto: Englmann

Der Münchner Komponist und Dirigent Moritz Eggert probt sein Fußball-Oratorium "Die Tiefe des Raumes", das am Sonntag in der Philharmonie aufgeführt wird.

 

München - Die Röhrenglocken klingen "wie Flasche leer", findet der Schlagzeuger, aber ein Profi-Percussion-Instrument wird bis zum Konzert noch geliefert. Moritz Eggert lacht über den piepsigen Glockenton - und weiter geht die Probe. Es trillerpfeift, ratscht, scheppert und flötet in der Schulturnhalle des Brixener Vinzentinums, wenn Eggert dort sein Fußball-Oratorium "Die Tiefe des Raumes" probt.

Der Chor klatscht rhythmisch, skandiert "Jetzt geht’s lo-hos!", stimmt Fangesänge an oder kommentiert das musikalische und sportliche Spiel mit "Weine nicht, wenn ein Törchen fällt, dam-dam...". Es ist ein klingendes Fußballfest, das der Münchner Komponist Moritz Eggert im Vorfeld er Weltmeisterschaft 2006 auf ein Libretto des Gelsenkirchener Autors Michael Klaus komponiert hat.

Das Auftragswerk der Ruhrtriennale, uraufgeführt 2005 in Bochum, ist am kommenden Sonntag erstmals in München zu hören. Es ist das Abschlusskonzert der Sommerakademie der Studienstiftung des deutschen Volkes. "Was ich am Fußball mag ist, dass es eine ganz urtümliche Sportform ist", erklärt Moritz Eggert seine Leidenschaft. "Das sind Spielformen, die bis in die Frühzeit der Menschheit zurückgehen. Insofern erwächst Fußball aus etwas ganz Archaischem, und diese archaische Kraft ist noch zu spüren." Er hat sich für das Werk mit der Geschichte des Fußballs beschäftigt, den Riten und Ritualen rund ums Spiel, dessen religiösem Charakter und all den Klängen drumrum: "Mit dem Notenheftchen saß ich im Stadion und habe mir Notizen gemacht. Ich habe alles aufgeschrieben, was ich gehört habe: Jeden Trommelrhythmus, jede kleine Trompetenmelodie."

Die Trompeter in Brixen lassen sie nun in der Probe erklingen. Manchmal lacht Moritz Eggert selbst über einen seiner Einfälle, und er lacht mit den Akademisten, die Spaß an den Geräuscheffekten haben und den musikalischen Zitate von Triumphmarsch bis DDR-Hymne. Mit seiner Begeisterung und seinem Humor steckt Eggert alle an. Die Musikakademie 2019 ist ein Trainingslager für 157 Musikerinnen und Musiker mit dem Dirigenten als Coach. Stipendiaten und Alumni der Stiftung, die Hochbegabte fördert, treffen sich schon im neunten Jahr zu dieser sommerlichen Musikwoche in Südtirol, vom Physikstudenten über den aktiven Profi-Musiker bis zur pensionierten Ärztin. Es sind 2019 etwas weniger Teilnehmer als in den Vorjahren, aber die Stimmung ist bestens.

Fußball ist ein Thema, das den Komponisten Eggert umtreibt

"Zu den Wurzeln des Fußballkultur vorzudringen war die Grundidee des Stücks", sagt Eggert über den Auftrag. "Es ist kein Wunder, dass bei Champions League oder bei Meisterschaften oft klassische Musik kommt, wenn es besonders pathetisch werden soll." Georg Friedrich Händels Krönungshymnus "Zadok the Priest" ist Vorlage für die Erkennungsmelodie der Champions League. Die Form des Oratoriums trägt dem Kultischen des Fußballs ebenso Rechnung wie dessen emotionalen Pathos und der Fan-Hingabe.

Moritz Eggert erklärt: "Da wird schon auch Händel zitiert. Ich wollte es dann doch auch ein bisschen moderner machen. Es gibt auch Schlagermomente, und es gibt auch ganz klare Neue-Musik-Momente, die eher experimentell gedacht sind." 

Fußball ist ein Thema, das den Komponisten Eggert umtreibt: Sein "Fußballett" wurde 2008 beim Wiener Opernball aufgeführt, mit „Ballack, du geile Schnitte“ vertonte er 2006 Einträge im Online-Gästebuch von Michael Ballack. Der Wahl-Münchner Eggert ist Komponist, Blogger, Dirigent, Pianist, Hochschulprofessor, immer mit dem Herzen bei der sogenannten Ernsten Musik und dem Ohr an der Schiene der Populärkultur.

Über zwei Halbzeiten und eine Nachspielzeit feiert nun "In der Tiefe des Raumes" den Fußball und die Fußballkultur. Zu Orchester und Chor kommen Gesangs-Solisten und Sprecher. Das ist eine riesen Gaudi voller Überraschungen - auch in der Probenarbeit, obwohl die vielen Tempowechsel, vertrackten Rhythmen und stilistischen Sprünge volle Konzentration erfordert. "Hört nicht auf das Schlagzeug", ermahnt Eggert den Chor, der auf der Tribüne der Schulturnhalle mit dem Füßen scharrt. "Die spielen einen anderen Rhythmus, da dürft ihr euch nicht rausbringen lassen."

Oratorium: Momentaufnahme der deutschen Fußballgeschichte

In der probenfreien Zeit ist das Brixener Vinzentinum ein Fan-Forum. Da wird gefachsimpelt oder den Fußballmuffeln erklärt, was die Dritte Liga eigentlich ist. Da werden Spielpartner für ein Match hinter dem Haus gesucht und die Musikwissenschaftlerin Marianne Betz hält einen Vortrag über kompositorische Fankultur, vertreten etwa durch den komponierenden Baseballfan Charles Ives. Wer genug vom Ball hat, geht üben, spielt Kammermusik oder radelt auf ein Eis in den Ort, aber die Eggertschen Ohrwürmer kommen immer mit. „Rotes Hemd, rote Hosen, weiße Stutzen“, wir da gesummt, und bei einer Bergwanderung erklingen Teile der "Mundfuge", einem wilden A-Cappella-Part: „BeckenbauerBeckenbauerBeckenbauer Hru-besch Hru-besch..."

An den Namen zeigt sich, dass das Oratorium schon einige Jahre alt ist. Moritz Eggert hat kurz überlegt, das Werk zu aktualisieren, aber beschlossen: "Irgendwie finde ich es auch charmant, dass es eine Momentaufnahme der deutschen Fußballgeschichte ist." Die wichtigste Frage zum Schluss: Wer wird der nächste Deutsche Meister? "Ich fürchte, es wird Bayern werden", sagt er und lacht. Auch beim Fußball liebt er das Unerwartete, sehnt taktische Revolutionen herbei, erwartet aber für die aktuelle Saison keine großen Überraschungen, "obwohl ich großer Bayern-Fan bin".


Samstag, 24. August, 18 Uhr, Gustav-Mahler-Saal, Toblach (Südtirol). Karten 30 Euro, www.kulturzentrum-toblach.eu Sonntag, 25. August 2019, 19 Uhr, Philharmonie im Gasteig. Karten 20 Euro

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