Auf Stelzen, in die Höhe Die Bauprojekte der Stadt München im Jahr 2020

Hüseyin Ince ist Redakteur im Lokalressort der Abendzeitung.
Auch 2020 wird in der Stadt wieder kräftig gebaut - eine Auswahl an Projekten und Visionen. (Archivbild) Foto: picture alliance/Britta Pedersen/dpa

Das Planungsreferat betreut wichtige Megaprojekte in München. Aber es muss auch sinnvolle Visionen entwickeln. Die AZ zeigt, was heuer in der Stadt passiert.

 

München – Über zu wenig Arbeit können sich die Angestellten des Planungsreferats und ihre Chefin, Stadtbaurätin Elisabeth Merk, derzeit nicht beschweren. Schon seit 2007 ist Merk (parteilos) im Amt. Seither hat sich viel verändert. Seit ihrem Amtsantritt wurden etwa 70.000 Wohnungen gebaut: Fast 5.400 Wohnungen sind jährlich unter ihrer Regie entstanden. Und in dem Tempo wird es weitergehen, wahrscheinlich sogar etwas verschärfter.

Als nächstes steht unter anderem der Baubeginn des zweiten "Stelzenhauses" Münchens am Reinmarplatz an. Hier entstehen über einem Parkplatz nicht nur neue Wohnflächen. Auch Megaprojekte wie der neue Hauptbahnhof samt Haltestelle für die Zweite Stammstrecke machen inzwischen große Fortschritte.

Das Planungsreferat muss aber auch Visionen fordern und fördern. Neuperlach etwa soll langfristig städtebaulich saniert werden. 2020 soll dazu dienen, dass die Stadt intensive Gespräche mit der Bevölkerung führt, um die Nöte und Verbesserungswünsche der Neuperlacher zu erfahren – und langfristig umzusetzen.

Die Stadt benötigt aber auch ein völlig neues Verkehrskonzept – wozu Merks Referat jetzt einen Vorschlag im Stadtrat eingereicht hat – und eine Vision zum Thema Hochhäuser. "Überall, wo es sinnvoll ist", sagt Merk dazu, auch gerne etwas gewagter. "Schauen Sie sich die Elbphilharmonie an", sagt Merk, "die passt wunderbar zu Hamburg." Aber anfangs sei die Skepsis groß gewesen. 110 Meter misst das Hamburger Konzerthaus.

Die AZ zeigt die wichtigsten Projekte 2020. 

Bayernkaserne: Eine Kleinstadt in der Großstadt

Für das heutige Areal der Bayernkaserne will das Planungsreferat 2020 das Konzept eines urbanen Gebietes entwickeln, das spätestens 2030 Platz für 15.000 Menschen bieten soll. "Das ist in etwa so, als ob man eine komplett neue Kleinstadt auf die Beine stellt", so Merk.

Das Bundesbauministerium unterstützt das Projekt im Rahmen des "Nationalen Projekts des Städtebaus", wofür die Bayernkaserne ausgewählt wurde. Gefördert wird das neue Quartier demnach mit 1,47 Millionen Euro. Das Planungsreferat möchte den Zuschuss dazu nutzen, die urbanen Qualitäten des neuen Viertels zu sichern. Vor allem das Quartiersmanagement sei dabei entscheidend, so Stadtbaurätin Elisabeth Merk. Sie soll zukunftsfähige Mobilitätskonzepte vor Ort anbieten, dabei helfen, die Erdgeschosse lebendig zu gestalten und immer ein Ohr für die Belange der Bewohner haben.

Das architektonische Konzept steht bereits. 5.500 Wohnungen sollen dort entstehen. Das Areal ist 48 Hektar groß und seit 2011 im Eigentum der Stadt. Die Anzahl der Wohnungen könnte für eine spürbare Entspannung auf dem Wohnungsmarkt sorgen.

Neben den Wohnungen sind unter anderem Kindertagesstätten, zwei Schulstandorte mit einem Gymnasium, zwei Grundschulen, einer Förderschule, einer Musikschule und Sportanlagen sowie soziale Einrichtungen wie ein Seniorenzentrum geplant.

Am Prinz-Eugen-Park: Größte Holz-Siedlung Deutschlands

Das Projekt sucht seinesgleichen in der Bundesrepublik. Im Süden des Bogenhauser Prinz-Eugen-Parks sollen 570 zusammenhängende Wohnungen in Holzbauweise entstehen. Und das ist in Deutschland ein Rekord.

Das Planungsreferat möchte hier eine Mustersiedlung schaffen, die als Vorbild dienen soll. Stadtbaurätin Elisabeth Merk hat vor allem die CO2-Bilanz im Blick: "Betonbauweise setzt CO2 frei, die Holzbauweise bindet und speichert CO2." Demnach würden im Prinz-Eugen-Park durch die Holzbauweise am Ende 13.000 Tonnen CO2 gebunden. "Wer mit Holz baut, spart bis zu 56 Prozent CO2", so Merk.

Am Mittwoch möchte das Planungsreferat im Stadtrat vorschlagen, auch in Freiham ein Holzbauviertel zu erschaffen, innerhalb des zweiten Realisierungsabschnittes des Bauprojektes Freiham Nord. Auch das Areal südwestlich der Henschelstraße hat Merk im Blick. Auch dieses Gebiet komme als weiterer Standort für die Holzbauweise in Frage. Merk ist von dem Rohstoff begeistert: "Mich wundert es, dass in Deutschland noch keine ähnlichen, großangelegten Holzbauprojekte angestoßen wurden."

Reinmarplatz: Nächstes Stelzen-Haus für München

Die Gewofag startet im Frühjahr 2020 mit einem weiteren "Stelzenbau" auf dem Reinmarplatz, mit etwa 12.500 Quadratmetern Geschossfläche. Das Prinzip ist dabei einfach wie effizient: Über einem Parkplatz wird auf Säulen ein ganzes Mehrparteienhaus aufgestellt.

Vorbild hierfür ist ein Stelzenhaus am Dantebad, das über dem dortigen Parkplatz gebaut wurde. Hier war der Protest der Anwohner anfangs groß. Sie fürchteten um ihre Lebensqualität. Das scheint diesmal anders zu sein. "Die Leute am Reinmarplatz haben zu uns gesagt, dass wir ruhig höher hätten bauen können als geplant", erzählt die zuständige Stadtdirektorin Ulrike Klar. Sie freut sich über die Akzeptanz.

Hauptbahnhof: Das Megaprojekt für den Megaboom

Kaum ein Stadtteil Münchens wird derzeit teurer gehandelt als das Bahnhofsviertel. Und das liegt auch an der Neugestaltung des Hauptbahnhofs selbst. Gemeinsam mit der Zweiten Stammstrecke steigert das Projekt das Interesse von Immobilien-Großinvestoren in Zeiten des Nullzinses noch mehr.

Die Bauarbeiten sind voll im Gange. Aktuell wird in die Tiefe gebuddelt und betoniert, dort, wo der Schwammerl mal stand. Herzstück des neuen Hauptbahnhofs ist das Empfangsgebäude, in Kombination mit Einkaufsmöglichkeiten sowie Cafés, Restaurants und Bars.

Der viel diskutierte Hauptbahnhofs-Turm wird am Ende 69 Meter hoch sein. Und das oberste Geschoss soll öffentlich gestaltet werden, begehbar für jedermann. Das ist eine Idee, die Stadtbaurätin Merk besonders gut gefällt. "Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte auch der Innenstadt-Turm The Seven eine Bar mit Dachterrasse für alle Münchner. Aber leider konnte ich mich damit nicht durchsetzen", sagt sie über das recht exklusive Wohn-Hochhaus in der Nähe des Gärtnerplatzes.

2020 stehen am Hauptbahnhof folgende Schritte auf dem Weg zur voraussichtlichen Fertigstellung 2026 an: Der Umbau des Starnberger Flügelbahnhofs soll neben den laufenden Bauarbeiten beginnen. Und die Projektleiter wollen bei der Haltestelle zur Zweiten Stammstrecke entscheidend vorankommen. Es ist eine der größten Baugruben entlang der Zweiten Stammstrecke. 40 Meter geht es in die Tiefe.

Schulbau in München: Weniger Parkplätze, mehr Shuttlebusse

Seit dem Beschluss der Schulbauoffensive im Jahr 2013 hat sich viel verändert. "Früher", so Merk, "wurde immer bei neuen Schulbauprojekten sehr viel Platz für Stellplätze verbraten." Das sei heutzutage infolge der Debatten einfach nicht mehr zeitgemäß.

Daher müsse man die kommenden Schulbauprojekte neu denken, um Anreize für Lehrer und Schüler zu schaffen, in Gemeinschaftsbussen an- und abzureisen, statt im persönlichen (Eltern-)Taxi. "Es ist bestimmt deutlich sinnvoller, deutliche An- und Abreiseplätze für Shuttlebusse zu planen", so Merk. Dafür sollen weniger Stellplätze eingeplant werden. 2020 steht im Planungsreferat ein siebenfacher Sammelbeschluss an. An sieben Standorten sollen sechs Gebäude ertüchtigt und drei komplett neu gebaut werden.

Lesen Sie hier: Wirbel um Umbenennung - Stadtrat entscheidet über Straßennamen

 

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