Auf der Seidenstraße Lach & Schieß: Sven Kemmler mit neuem Programm

Sven Kemmler ist nun Chinaexperte. Foto: Franziska Schroedinger

Sven Kemmler mit seinem Programm "Die Neue Mitte – China für Anfänger" in der Lach & Schieß.

München - Drei ebenso bedeutende wie gegensätzliche Staatslenker des 20. Jahrhunderts standen im elterlichen Bücherregal einträchtig nebeneinander: Mao Tse-tung, eingerahmt links von Erich Honecker und rechts von Adolf Hitler. Ob sich das im Hause Kemmler wirklich so zugetragen hat, ist unwichtig: Für einen Sprachathleten wie Sven Kemmler ist ein Vergleich der drei Diktatoren und ihrem Duktus eine traumhaft schöne Startrampe zu einem Kabarettabend, der vor allem ein feuilletonistischer Reisebericht ins zeitgenössische Shanghai ist.

Sven Kemmler dringt in den ostasiatischen Raum vor

Den Vergleich gewinnt der große Vorsitzende aus Peking weniger der Inhalte wegen, sondern mit seiner Poesie, die Kemmler auch im chinesischen Alltag findet. Selbst Propaganda, ob von der Partei oder aus der westlichen Konsumwelt, ist von großer Bildhaftigkeit. Bei der Übersetzung des Firmennamens hatte BMW durchaus Glück, denn die Chinesen fahren mit einem "kostbaren Pferd". Schlechter traf es Coca-Cola: "Gieß die wächserne Kaulquappe".

Nach seinen zwei den englischen Sprachräumen gewidmeten Programmen ("Englischstunde", "To Fuck Or Not To Be") dringt Kemmler mit "Die neue Mitte – China für Anfänger" in den ostasiatischen Raum vor und gedanklich auch tief ein. Aktueller Anlass ist die mit zunehmender Existenzangst in der westlichen Welt verbreitete Erkenntnis, China sei die Zukunft. Zunächst ungläubig habe er eine Einladung aus dem Freundeskreis angenommen.

Erkenntnisreiche Ausflüge in die Kulturgeschichte der Chinesen

Obwohl der 50-jährige Schwabinger nie im Verdacht stand, Sympathisant des Totalitarismus zu sein, gesteht er nun: "Ich habe die Vorteile des Einparteiensystems genossen." Dazu gehöre nicht nur die Perfektion des Öffentlichen Personennahverkehrs, sondern auch die Geschwindigkeit des Bauens. Während das demokratische München eine "tief sitzende Ehrfurcht vor der Entstehung von Wohnraum" pflege, werde in Shanghai "schneller gebaut als gentrifiziert".

Von der Gegenwart aus macht Kemmler immer wieder pointen- wie erkenntnisreiche Ausflüge in die Kulturgeschichte der Chinesen zwischen Mao, Laotse und Kung Fu. Das ist nicht immer brüllend komisch, aber in Zeiten populistischer Gedankeneinfalt wohltuend präzise gedacht.

Die Botschaft: Vergesst den europäischen Traum von der Überlegenheit und baut an der Seidenstraße in beiden Richtungen mit. Mögliche Kritik an seiner Show entgegnet er ganz im Stil konfuzianischer Weisheit: "Der Vogel singt nicht, weil er singen kann, sondern weil er ein Lied hat".

 

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