Atomare Katastrophe – 25 Jahre nach Tschernobyl "Es ist alles vergiftet"

Noch heute fällt es Nadeschda Lazko schwer, vom Atom-Unglück zu erzählen. Foto: Sigi Müller



Als Nadeschda Lazko die Zeitung aufschlägt Anfang März, mit den Nachrichten aus Fukushima, „da war alles wieder da. Der Schock, die Angst, der Schmerz”. Nadeschda Lazko hat das alles schon einmal erlebt. Als Elfjährige in Gomel, in Weißrussland. Sie war ein Mädchen mit langen Zöpfen, als 150 Kilometer von ihrem Haus entfernt Tschernobyl explodierte, die Atom-Katastrophe, die vor einem Vierteljahrhundert die Welt veränderte.

 

„Es fällt mit noch immer schwer, darüber zu reden”, sagt die 36-jährige, die seit 1998 in München lebt, Management-Training macht und Kabarett. „Der Verlust tut sehr weh.” Sie spricht perfekt deutsch, aber es fällt ihr schwer, zu reden: „Über eine Katastrophe, die nicht greifbar ist”, wie sie sagt. „Wenn ein Flugzeug abstürzt, etwas abbrennt, dann können wir das sehen, wir können es uns vorstellen.” Aber die unsichtbare Strahlung, das überfordert nicht nur sie.

Zögerlich erzählt Nadeschda Lazko. Wie die Unglücksnachrichten nach dem Gau nur durchsickerten, als Gerüchte erst in der Nachrichtensperre im Sowjetsystem. Wie die Ärzte die Kinder untersuchten: „Wir hatten alle dicken Lymphknoten, wir waren müde, wir sprachen langsamer, wir dachten langsamer.” Wie die Mutter verzweifelt war, weil es nur verstrahlte Milch gab. Wie sie Angst um den Vater hatten, als er krank wurde: „Es hieß, das Cäsium das Herz zerfrisst.”

Ihre Eltern leben noch, in Gomel, ihre ältere Schwester auch: „Jetzt hat sie endlich ein gesundes Kind.” Das erste hat sie verloren vor sieben Jahren. der Fötus war schwer behindert. Wegen der Tschernobyl? Ärzte berichten von häufigen Missbildungen, erhöhte Krebszahlen werden kaum bezweifelt, aber im Weißrussland des Diktators Lukaschenko sind atomkritische Stimmen nicht gern gehört: Der Präsident möchte das Unglücksgebiet lieber heute als morgen besiedeln.

Redet sie oft über Tschernobyl mit ihrer Verwandtschaft? Lazko schüttelt den Kopf: „Nein. Die Menschen haben andere Sorgen.” Das Land liegt wirtschaftlich darnieder, nach Misswirtschaft und Wirtschaftskrise. Es geht um Jobs, um das tägliche Auskommen.

„Ich weiß, dass Jahrestage gut sind, um das Bewusstsein zu schärfen”, sagte Lazko in einem Münchner Café: „Aber bei uns daheim braucht es keinen Jahrestag. Die Menschen werden oft genug an das Unglück erinnert. Wenn wieder jemand krank wird, wenn das Immunsystem versagt.”

Im vergangenen Winter war sie zuletzt in Gomel. „Es ist so schön dort. Sie können sich das nicht vorstellen”, sagt sie. „Vor allem im Sommer: Die Natur erobert sich die unbewohnbaren Gebiete zurück. Es gibt Beeren, unberührte Wälder, Blüten, man könnte alles genießen.” Aber, sagt sie nach einer Pause: „Es ist alles zerstört, es ist alles vergiftet.” Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende ist die Sperrzone um das Kraftwerk wegen der Strahlenbelastung unbewohnbar – ein Gebiet doppelt so groß wie das Saarland.

Nadeschda Lazko jammert nicht. „Angst kann man überwinden”, sagt sie, und für sich selbst habe es es geschafft. Sie hat gelernt, studiert und sich selbstständig gemacht. Aber nur so einfach nach vorne schauen, das gelingt nicht immer.

„In den ersten Tagen nach Fukushima, da war ich wie gelähmt”, sagt sie. „Ich weiß, wie die Menschen in Japan fühlen”, sagt sie. „Sie haben ihre Heimat verloren – für immer.” Nach dem Mitgefühl kam die Wut: Die Wut darüber, „dass wir noch immer nicht gelernt haben, den Wert der Natur und der Heimat zu schätzen”. Sie kann sich aufregen über Zeitgenossen, die „keine Verantwortung übernehmen wollen”, die noch immer sagen: „Die Russen und die Franzosen haben noch Atomkraft, also müssen wir auch nichts tun.”

Nadeschda Lazko hat ihre Geschichte oft erzählt im Bekanntenkreis und bei Freunden: „Jetzt nach Japan wieder öfter.”
Sie möchte das eigentlich nicht mehr: „Manche hat das sicher aufgerüttelt”, sagt sie. „Aber manche können es auch einfach nicht mehr ertragen.”

 

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