Atom-Katastrophe von Japan: Das Grauen des GAUs

Das AKW von Fukushima in Trümmern Foto: dpa
 

Im Atom-Wrack von Fukushima steht radioaktives Wasser, Plutonium tritt aus – es ist kein Ende der Katastrophe in Sicht.

Tokio -  Das Wasser ist teilweise hochradioaktiv. In den Turbinenhäuser der vier Reaktorblöcke von Fukushima steht es meterhoch. Es muss beseitigt werden, sonst können die dringend notwendigen Arbeiten nicht fortgesetzt werden, um den Super-GAU in dem japanischen Atom-Wrack vielleicht noch verhindern zu können. Doch das Abpumpen stockt: Es sind nicht genügend Tanks vorhanden, in denen das stark belastete Wasser sicher gelagert werden kann.

Während die atomare Zeitpunkt tickt, tauchen täglich neue Schwierigkeiten auf. Deswegen nennt Japans Ministerpräsident Naoto Kan die Lage auch „unvorhersehbar”.
Kurz vor der Hiobsbotschaft mit den fehlenden Tanks hatte eine andere, vielleicht noch schlimmere Meldung Japan alarmiert: In der Umgebung der havarierten Reaktorblöcke wurde im Boden das hochradioaktive und hochtoxische Plutonium gefunden. Das Plutonium-Isotop 239 ist in den Plutonium-Uran-Mischoxide (MOX) enthalten, die im Fukushima-Reaktor 3 verwendet werden. Sie werden auch in Deutschland verwendet. Der Stoff hat eine Halbwertzeit von rund 24000 Jahren. Erst nach diesem Zeitraum ist die Hälfte des freigesetzten Materials zerfallen.
Und er ist extrem gefährlich: Die Inhalation von 40 Nanogramm (40 Milliardstel Gramm) reicht aus, um die Jahresgrenzwerte für Inhalation bei Arbeitern zu erreichen. Besonders gefürchtet ist Plutonium auch, weil es extrem giftig ist. Es lagert sich in Knochen und Leber ab; die tödliche Dosis liegt im Bereich von wenigen Milligramm. Das Plutonium tritt weiter aus und sickert ins Erdreich ein. Mit Sandsäcken versuchen Arbeiter dies zu verhindern.

Dass das gefährliche Radionuklid überhaupt auftritt, ist äußerst bedenklich: Denn es bedeutet, dass Kernbrennstäbe aus MOX im Reaktor3 beschädigt sind. Für den deutschen Atom-Experten Michael Sailer, Mitglied der Reaktorsicherheitskommission und Sprecher der Geschäftsführung des Öko-Institutes ist der Austritt von Plutonium ein Beweis dafür, dass die „Brennstäbe sehr, sehr heiß” seien. Die Temperatur liege knapp unter oder in der Kernschmelze, also bei mehreren tausend Grad. Sailer: „Denn Plutonium geht erst bei einer sehr hohen Temperatur raus.”
Sailer ist auch pessimistisch, was den Fortschritt der Rettungsversuche betrifft. Noch Monate müssten die Techniker gegen eine Kernschmelze kämpfen: „Die kritische Zeit, in der beim Ausfall der Kühlung immer wieder eine Kernschmelze entstehen kann – das wird viele Wochen, viele Monate dauern.”

Auch wenn nichts noch Schlimmeres passiere, werde es ein bis zwei Jahre dauern, bevor der Reaktor geöffnet werden kann – die Voraussetzung für dauerhafte Stabilisierungsmaßnahmen.
 Anzeichen für eine Besserung der Lage gebe es nach wie vor nicht. „Sie wird irgendwie auf einem gewissen Level gehalten, weil ja die Kühlung öfters klappt”, sagt Sailer. „Das Grundproblem ist: Wenn einer der Reaktoren oder eines der Brennelement-Lagerbecken noch mal massiv Radioaktivität freisetzt, so dass die Leute auf dem Gelände nicht weiter arbeiten können, weil die Strahlung tödlich ist, dann geraten auch wieder die anderen Einrichtungen außer Kontrolle.”

Sailer geht davon aus, dass die Techniker selbst nicht wissen, in welchem Zustand sich der Reaktorkern befindet. „Das Problem ist ja, dass man mit den Instrumenten, die noch funktionieren, keine Aussage machen kann, ob sie knapp unter oder knapp über der Kernschmelze sind.” Die Techniker bewegten sich praktisch „im Blindflug”.
Alarmiert wegen der hohen Strahlenwerte ist jetzt auch die Bevölkerung in Tokio: Der Wind soll ab heute auf Nord drehen, also mehrere Tage aus Richtung des Atom-Wracks kommen. 

 

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