Arienabend: Bejun Mehta Explodierendes Glück und flammende Rache

Einfach nur Händel: Countertenor Bejun Mehta. Foto: Marco Borggreve

Bejun Mehta und das Barockorchester Freiburg mit Händel im Prinzregententheater

 

Dass der eine Geiger legere Cordhosen trug und die Kollegin daneben noch im Pullover steckte – kaum einer hätt’s bemerkt. Zu fulminant waren die Freiburger unterwegs. Doch Petra Müllejans, die umwerfend aufgekratzte Konzertmeisterin, drängte es nach Aufklärung: Auf dem Weg nach München waren nicht nur diverse Roben, sondern auch ein paar Instrumente stecken geblieben.

Dank Leihgaben ging’s trotzdem, der Umgang mit dem Schlamassel erzählt aber einiges über dieses Barockorchester: von der Gabe der Improvisation bis zum Drang nach absoluter Perfektion. Dass die Superstars der Alten Szene nach dem Ensemble gieren, versteht sich also von selbst. Ein kurzes Zucken in den smaragdblauen Augen – und schon schwebt Bejun Mehta auf einer elektrostatisch geladenen Geigenwolke, kann zürnen was das Zeug hält, schluchzen, Flammen der Rache schleudern und wieder im Schmerz baden: „Ma sì, pupille, sì piangete, sì“ – „Ja, weint ihr Augen, weint“.

Der Aufregendste unter den amtierenden Countertenören macht aus Orlandos Wahnsinnsszene eine ganze Oper, anschaulicher, überzeugender kann man dieses Schwanken zwischen den Sentiments nicht auf die Bühne bringen. Mehta braucht weder Requisiten noch Kostüme, schon mit den ersten Tönen entfacht er eine Atmosphäre, die kein Regisseur besser kreieren könnte. Jedes Wort, jeder Ton leuchtet in einer eigenen Farbe, jede Wiederholung gewinnt eine neue Qualität. Und Müllejans Musiker spitzen wunderbar zu. Man attackiert aus dem Stand, bleibt stets auf der Lauer in diesem reinen Händel-Programm, das in keiner Phase Gefahr läuft, nur feine Routine zu werden.

Wie auch? Wenn einer keine einzige Kamikazefahrt auf der Koloraturenachterbahn scheut, dabei aber nie bloße Virtuosität auskostet und just in der größten Rage ins herzerweichende Lamento zu kippen vermag – wie im „Otton, Otton...“ aus der „Agrippina“. Und selbst aus förmlich explodierenden Glücksgefühlen („Sento la Gioia“ aus „Amadigi di Gaula“) die Kurzlebigkeit eines solchen Zustands dringen lässt. Oder die Wut noch in der Kehle der Liebe weicht („Ombra cara“ aus „Radamisto“). Wer wollte sich da an einer Cordhose stören? In diesem Strudel tiefster Empfindungen. 

 

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