ARD-Krimi am Sonntag Doppelgänger-Nirgendwo: Die Kritik zum Münster-"Tatort: Spieglein Spieglein"

, aktualisiert am 17.03.2019 - 15:57 Uhr
Erstaunlich ähnlich: Prof. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) und er selbst als Jazz-Musiker beim Brillenvergleich. Foto: WDR/Thomas Kost

Im aktuellen Fall aus Münster bringt ein Serienmörder Menschen um, die so aussehen, wie das Ermittler-Team um Thiel und Boerne. Doch die Doppelgänger-Idee zündet nicht, was den Film zu einem schwachen "Tatort" macht.

 

ACHTUNG, Spoiler! Dieser Text gibt mehr oder weniger konkrete Hinweise auf den "Tatort: Spieglein Spieglein". Wenn Sie nichts verraten haben wollen, lesen Sie erst weiter, wenn Sie den Film gesehen haben (Erstausstrahlung: 17. März, 20.15-21.45 Uhr im Ersten)


So ein verrücktes Pärchen wie Thiel und Boerne gibt's nur einmal auf der Welt, dachte man bis zum 34. Fall des Münsteraner Ermittler-Duos. Dass sogar direkt in der 300.000-Einwohner-Stadt zwei Kollegen rumlaufen, die ihnen zum Verwechseln ähnlich sehen, bietet in "Spieglein, Spieglein" die Grundlage für den absurden Racheplan eines ehemaligen Gejagten der beiden Exzentriker vom Dienst.

Nur dass der eine nicht narzisstischer Gerichtsmediziner sondern unrasierter Jazz-Musiker ist und der andere nicht verlotterter Kommissar (mit nur einem Paar geschlossener Schuhe!) sondern anzugtragender Doppelhaushälftenbesitzer.

Münster-Tatort nutzt Chancen durch Doppelgänger nicht

Das war es aber auch schon, was man über die beiden Doppelgänger erfährt. Und damit versenkt der Film sein größtes Potenzial im klamaukigen Nirgendwo. Axel Prahl und Jan Josef Liefers dürfen als einzige der Ermittler-Truppe ihre optischen, weil noch lebendigen, Pendants selbst spielen. Was mit dieser Konstellation in Sachen Plot und Komik möglich gewesen wäre, blitzt einmal ganz kurz auf, im viel zu luxuriösen Haus des verwirrten Komponisten, als Boerne mit sich selbst die Brille tauscht.

Für die Inszenierung der beiden sich hassliebenden Thiel und Boerne fällt gerne mal die Charakterzeichnung der anderen Akteure hinten runter. Das ist bekannt und wird regelmäßig verziehen.

Dass die Macher (Buch: Benjamin Hessler, Regie: Matthias Tiefenbacher) hier Persönlichkeit, Motive und Seelenleben der Verlobten eines verurteilten Sexualmörders, die offenbar aus Liebe tötet, so schamlos unbeleuchtet lassen, ist jedoch fahrlässig, verwehrt dem Fall den letzten Funken Plausibilität und muss sogar Münster-Tatort-Fans sauer aufstoßen. Noch dazu, wenn der Sexualmörder (Arnd Klawitter) von einer dermaßenen Schleimbeuteligkeit ist, dass man ihm bei der Unterschrift seines Haftentlassungsbescheids am liebsten den Kugelschreiber aus der Hand schlagen will.

Ein neuer Darsteller im Münster-Tatort macht Spaß

Ein Lichtblick ist Nadeshda Krusensterns (Frederike Kempter) Urlaubsvertretung, der in dieser Gruppe von Selbstdarstellern erfrischend rationale Kommissar Mirko Schrader (Björn Meyer). Der kann nicht nur exzellenten Kaffee kochen, sondern behält als einziger einen kühlen Kopf, als sich die Stammbesetzung im Angesichte des unbekannten Doppelgänger-Mörders lieber gegenseitig an die Gurgel geht, statt nachzudenken.

Am Ende schaut man bei diesem "Tatort" zu oft auf die Uhr, weil man diesmal mit dem gewohnten Münsteraner Sprüche-Hin-und-Her den Sinn für das Wesentliche verloren hat und selbst Witz-Dialoge und Computer-Gags schon mal besser waren.

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