ARD-Krimi am Sonntag "Côte d'Azur": Die AZ-Kritik zum Bodensee-Tatort

Ein grüblerischer Seelenbohrer über die schwere Last des Seins. Der Bodensee-Tatort "Côte d'Azur" mit Sebastian Bezzel und Eva Mattes in der AZ-Kritik.

 

München - Eine Tote im Schilf, ein Baby in Lebensgefahr, viele Drogen und zerstörte Hoffnungen: Der Bodensee-"Tatort" vom Sontagabend (ARD, 20:15 Uhr) führte die Kommissare Blum und Perlmann an den Rand der Gesellschaft - und belastet auch ihr Verhältnis zueinander.

Die Handlung

Es ist eine kleine Nachlässigkeit, die Kommissar Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) erheblich an sich selbst zweifeln lässt. Am Rheinufer wird die Leiche einer jungen Frau gefunden, doch Perlmann übersieht Hinweise auf das sechs Monate alte Baby der Ermordeten, das abseits im Schilf zurückgelassen wurde. Als die Polizei den Säugling endlich entdeckt, ist er halb erfroren. "Ich hab eigentlich nie an Dich geglaubt", sagt der Kommissar, als er später am Krankenhausbett des Babys sitzt und zu einem Kreuz aufblickt. "Aber jetzt brauch' ich Deine Hilfe."

Die Ermittlungen in dem Mordfall führen Perlmann und seine Kollegin Klara Blum (Eva Mattes) zu einer Gruppe Obdachloser. Sie haben in einer heruntergekommenen Baracke mit dem Namen "Côte d'Azur" Unterschlupf gefunden, die auch die ermordete Vanessa Koch öfter besuchte. Die Bewohner hatten alle mit dem Mordopfer zu tun - allen voran der ehemalige Kommissar Hagen Bötzow, der nach Gewaltdelikten vom Dienst suspendiert wurde und seitdem den Halt in seinem Leben verloren hat. Ein weiterer Verdächtiger ist der Musikproduzent Jürgen Evers, dem Vanessa offenbar einen teuren Ring gestohlen hatte.

Neben den Ermittlungen sitzt Perlmann nachts stundenlang am Bett des kranken Säuglings, liest ihm vor, bangt um das Leben des Kindes. Und nicht nur Selbstzweifel und Schuldgefühle plagen ihn: Auch das Verhältnis zu seiner Kollegin ist zunehmend schwieriger, sie geraten immer wieder aneinander. "Entspann Dich einfach, Perlmann", sagt Blum genervt zu ihm. Seine Antwort: "Frau Blum, Sie haben ein Problem mit mir. Ich habe ein Problem mit mir. Wie soll ich mich da entspannen?"

Der Hintergrund

Generell ist der Ton im Tatort dieses Mal härter, gröber: Es fallen Wörter wie "Arschloch" oder "Großkotz", und gerade in der Gruppe der Obdachlosen scheint die Aggression jederzeit hervorbrechen zu wollen. Hinter dem Bodensee-"Tatort" steckt erneut das Duo aus Regisseur Ed Herzog und Drehbuchautor Wolfgang Stauch. Wie schon in der Folge "Die schöne Mona ist tot" aus dem Jahr 2013 gelingt es den beiden, das Geschehen in eine eindringliche, passende Atmosphäre zu stecken: Die Farben sind matt, das Licht fahl und über dem Bodensee hängt der Nebel. Sie spiegeln die Gefühle der Bewohner in der "Côte d'Azur": enttäuschte Hoffnung, verlorene Zukunft, Trauer, Scham, Wut.

Und darüber scheint sich bereits jetzt ein Hauch von Melancholie auszubreiten: 2014 hatte der SWR angekündigt, den Bodensee-"Tatort" im kommenden Jahr auslaufen zu lassen. Man habe die Entscheidung gemeinsam mit den Hauptdarstellern getroffen, hieß es dazu. "Nach vierzehn erfolgreichen gemeinsamen Jahren der beiden großartigen Schauspieler und des Senders mit dem Tatort aus Konstanz werden wir uns dann von ihm verabschieden." Im kommenden Jahr werden nach Angaben eines SWR-Sprechers noch zwei Folgen ausgestrahlt. Im Umfang des bisherigen "Tatort"-Krimis vom Bodensee soll zudem ein neuer produziert werden. Wo er spielen soll, stehe bislang aber noch nicht fest, sagte der Sprecher. "Da gibt es noch keine Entscheidung."

Die TV-Kritik von Ponkie

Düstere Melancholie voller Selbstzweifel am Bodensee, wo die Konstanzer Kommissarin Blum (Eva Mattes) an ihren Assi Perlmann (Sebastian Bezzel) hinnörgelt, weil durch seine Langsamkeit ein verlorengegangener Säugling in Lebensgefahr gerät. Gewissenswurm und Trübsinn im Bodensee-Tatortkrimi „Cote d’Azur , in dem das Sehnsuchtswort frierender Obdachloser zum unerreichbaren Phantom wird. Existenzieller Berufsfrust und Zuständigkeitsgrantelei im österreichisch-schweizerischen Grenzbereich hängt wie eine Schwermutswolke über dem See, und zwischen Büromuff und Frischluft klebt das Mittelmaß von Kripo-Verhörtexten wie Fliegenleim.

Ein Überdruss-Reflex? Der Zuschauer schwankt zwischen Spannung, Neugier und Gewohnheitsenttäuschung. Ein grüblerischer Seelenbohrer über die schwere Last des Seins.

 

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