Archäologie Langenpreising: Spektakulärer Fund

In einem der Kindergräber lagen die Knochen dieses Buben. Er hatte noch Milchzähne und als Grabbeigaben winzige Waffen. Foto: Daniel von Loeper

In Langenpreising entdecken Archäologen ein herrschaftliches Grab aus dem Frühmittelalter. Ein Mädchen hatte einen Schleier aus Goldfäden.

 

München - Einst muss es ein weithin sichtbares, monumentaler, sieben oder acht Meter hoher Grabhügel, ein markanter Punkt in der Landschaft, eine sogenannte Landmarke, an der sich auch der Verlauf wichtiger Handelsstraßen wie der Römerstraße orientierte.

Am Ortsrand von Langenpreising im Landkreis Erding, wo heute nicht einmal 3000 Menschen wohnen, haben Archäologen auf einer Fläche von etwa 25 Metern Durchmessern die letzte Ruhestätte einer Herrscherfamilie aus dem Frühmittelalter entdeckt. Sie lebte wahrscheinlich in der Zeit des letzten bairischen Herzogs Tassilo III., einem Vetter von Karl dem Großen. „Die Grabbeigaben sind äußerst kostbar“, sagte Generalkonservator Mathias Pfeil am Donnerstag, als der Fund gestern im Landesamt für Denkmalpflege erstmals öffentlich gezeigt wurde.

Die Langenpreisinger wissen schon lange, dass ihre Heimat neben Regensburg und Augsburg zu den ältesten Orten Bayerns gehört. In der Steinzeit war das Gebiet dicht besiedelt. Doch dass unter dem Getreidefeld am nördlichen Ortsrand, wo jetzt ein Gewerbegebiet auf dem fruchtbaren Boden entstehen soll, eine historisch überaus bedeutsame Grabstätte aus dem siebten Jahrhundert schlummerte, ahnten bestenfalls diejenigen, die Luftaufnahmen kannten: denn der Weizen, der dort wuchs, zeigte einen Ring an – die Umrisse der mit einem Palisadenzaun aus halbrunden Hölzern umgebenen Grabstätte.

Nach dem spätantiken Fund in Freiham ist die Entdeckung in Langenpreising bereits die zweite spektakuläre Ausgrabung in diesem Sommer in Bayern.

Im Langenpreising stießen die Archäologen im Inneren des verborgenen Grabhügels zuerst auf die Grabkammer eines etwa 60-jährigen Mannes. Seine letzte Ruhestätte ist bereits vor vielen Jahrhunderten von Grabräubern geplündert worden. Die Knochen lagen verstreut herum, die kostbaren Gaben waren gestohlen. Doch ein zurückgebliebener Knopf eines Schwertgurtes in Pyramidenform gibt heute noch Zeugnis von den Schätzen, die dem Toten mitgegeben worden waren. Der Knopf war mit roten Almandinen und Edelsteinen verziert. Das Besondere ist aber vor allem seine Herkunft: Derartige Verzierungen waren im Frühmittelalter in Bayern nicht üblich – die so geschmückte Schwertscheide stammte vermutlich aus Kent in Südengland. „Das zeigt, welch weitreichende Beziehungen diese Person damals hatte. Möglicherweise war es ein Erbstück, das der Tote von seinem Vater bekommen hat“, sagte Jochen Haberstroh, Vizechef der Abteilung Praktische Denkmalpflege im Landesamt.

Unweit dieser Grabstätte stießen die Archäologen in dem Grabhügel auf einen Raum, den die Grabräuber offenbar übersehen hatten: Es ist die unberührte, letzte Ruhestätte eines kleines Mädchens, das nur zwei bis vier Jahre alt wurde und unschätzbar kostbare Gaben mit in ihr Grab bekam. Die Archäologen sind vor allem fasziniert von einem Stoffrest – vermutlich Seide – der mit gewirkten, puren Goldfäden gewebt wurde. Ob das Mädchen Kleidung aus dem edlen Gewebe trug oder ob es sich um einen Schleier handelte, wird man wohl nicht mehr herausfinden können. Nur noch einzelne hauchdünne Goldfäden sind erhalten. „Einen ähnlich bedeutsamen Fund hatten wir das letzte Mal vor 100 Jahren im Landkreis Neuburg-Schrobenhausen“, sagt Mathias Pfeil. Auch hatte das Mädchen ein massives Goldblech in seinem Grab, „Es gehört wahrscheinlich zu einem sogenannten Goldblattkreuz.“ Sie entstammte also einer christlichen Familie.

Neben dem Grabhügel entdeckten die Archäologen noch eine Gruppe mit weiteren Kindergräbern. Ob es sich bei ihnen um Leibeigene handelt oder um weniger bedeutende Familienmitglieder, ist unklar. Ein Knabe, der in der Mitte liegt, hatte ebenfalls außerordentliche Grabbeigaben bei sich: Neben dem Bub, der mit etwa 2,5 bis 4 Jahren starb, hatte eine Kriegerausrüstung in Miniaturformat in seiner letzten Ruhestätte. Neben seinem Körper lag ein kleines perlenverziertes zweischneidiges Messer, wie es – in großer Ausführung – die Krieger in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts als Schwert verwendeten. Auf der anderen Seite lag eine winzige Lanze, an Stelle der üblichen Lanzenspitze war eine kleine Pfeilspitze befestigt. „Dieser Knabe hätte wahrscheinlich eine Karriere als Krieger vor sich gehabt. Vermutlich wurden die Miniaturwaffen extra für ihn angefertigt“, sagt Archäologe Jochen Haberstroh.

Nun sind die spektakulären Funde im Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, die Knochen und Grabbeigaben liegen noch blockartig eingebettet in die fruchtbare Erde von Langenpreising. Die Forscher werden noch monatelang an ihnen forschen. „Noch fischen wir im Trüben, wer die Personen sind. Der Fund hilft uns, Lücken aus dieser Zeit zu schließen. Die Herrscherfamilie stammt mit Sicherheit aus der Agilofinger Zeit“, sagt Generalkonservator Pfeil. Auch Langenpreisings Bürgermeister Peter Deimel, freut sich über den Fund – wenngleich ihn die Kosten, die nun auf die Gemeinde zukommen, irritieren. Rund 100 000 Euro wird die archäologische Bergung kosten. „Vielleicht können wir dann mal einen 3-D-Fotoausdruck von dem Mädchen bekommen. Den können wir dann in der neuen Grundschule ausstellen“, sagte er.

Da, wo das kleine Mädchen jahrhundertlang ruhte, werden bald Millionen Garnelen in riesigen Süßwasserbehältern gezüchtet. Sie sollen vor allem ins 45 Kilometer entfernte München zu den bekannten Feinkosthändlern geliefert werden.

 

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