Annika Lausch Bulimie: Eine ehemalige Leistungssportlerin berichtet

"Ich sehe es als Stärke, die Bulimie überwunden zu haben – nicht als Schwäche, dass ich sie hatte": Annika Lausch war jahrelang an der Ess-Brech-Sucht erkrankt, war deshalb mehrmals in einer Klinik. Inzwischen hat sie die Krankheit besiegt. Foto: Daniel von Loeper

Die ehemalige Leistungssportlerin Annika Lausch hatte Bulimie. Inzwischen hilft sie anderen Menschen mit Essstörungen.

 

München - Ihre sorgsam aufgebaute Welt bricht plötzlich zusammen, als eine Kollegin bemerkt, dass Annika Lausch langsam verschwindet. "Das war eine ganz sensible Frau, der aufgefallen ist, dass ich mich in meinem Wesen verändere und auch in meinem Essverhalten", erzählt Annika Lausch (32). "Sie hat bemerkt, dass ich nicht mehr mit den anderen zum Mittagessen gegangen bin, dass ich immer irgendwelche Ausreden hatte, wenn es hieß ,Heute Abend gehen wir alle in die Pizzeria’."

"Morgens habe ich geplant, wann ich einen Essanfall haben kann"

Lausch ist kurz davor, ihre Ausbildung zur Polizeikommissarin zu beenden, als die Kollegin sie fragt, ob sie ein Problem mit dem Essen habe. "Ich hatte sofort das Gefühl, ertappt zu sein. Die Fassade war kaputt und ich dachte: Wenn es nach außen auffällt, dann muss ich jetzt was tun."

Damit beginnt der lange Weg von Annika Lausch, mit ihrer Bulimie umzugehen – über drei Klinikaufenthalte, viele Therapiestunden, viele Rückfälle. Bis sie heute, mehr als zehn Jahre später, von sich sagen kann, dass sie geheilt ist.

Dass Annika Lausch damals den Impuls hat, sich mit ihrer Krankheit auseinanderzusetzen, ist ihr Glück. "Das waren die gesunden Anteile in mir, die offenbar noch da waren, die gesagt haben, dass ich mich darum kümmern muss", sagt sie. "Dafür bin ich sehr dankbar. Ich hätte mich auch noch weiter so verstecken können. Aber das wäre nicht mehr lange gut gegangen. Auch körperlich."

Zu dieser Zeit hat sie Essanfälle von bis zu acht Stunden am Tag. "Das kann man sich so vorstellen: Ich machte einen Einkaufswagen voll mit Lebensmitteln für 70, 80 oder 100 Euro. Und zuhause ging das: Essen zubereiten, Essen essen, Essen erbrechen. Essen zubereiten, Essen essen, Essen erbrechen, damit der Magen wieder leer war und dann wieder voll und dann wieder leer. Bis ich irgendwann erschöpft ins Bett gefallen bin." Anderthalb Jahre dauert es, bis sie ertappt wird. Anderthalb Jahre, in denen sie ein Doppelleben führt. "Bei einer Magersucht sieht man sofort, dass der Mensch ganz stark abnimmt", sagt sie. "Bei der Bulimie hat man oft lange noch Normalgewicht. Man vertuscht, baut ein Lügengebäude auf. In akuten Phasen habe ich morgens geplant, wann ich einen Essanfall haben kann, ohne dass es jemand mitkriegt."

Das ist wichtig: Nach außen will Lausch wie die meisten Bulimiker einen perfekten Menschen darstellen, "der weiter Leistung bringt und gut gelaunt ist. Obwohl es in einem drin ganz anders aussieht".

Gute Betreuung beim damaligen Arbeitgeber

Bei ihrem damaligen Arbeitgeber, der Polizei, wird sie gut betreut: "Normalerweise gibt es für Kliniken lange Wartezeiten. Aber ich war innerhalb von drei Wochen aus dem Dienst, beurlaubt und hatte einen Klinikplatz."

Rückblickend war das vielleicht gar nicht so sinnvoll, sagt sie heute. "Es ging so schnell, ich hatte noch gar nicht die innere Bereitschaft dafür. Und sich selbst einzugestehen, ich hab da ein Problem, ich hab da eine Krankheit, ist der erste, der wichtigste Schritt. Ich bin in die Klinik blauäugig rein und dachte: Ich gehe da jetzt sechs Wochen hin und dann bin ich wieder gesund. Wie mit einem Beinbruch, der repariert wird."

Ein Beinbruch – ein körperliches Gebrechen. Eines, bei dem klar ist, wie man damit umgeht. Wie die chronische Sehnenscheidenentzündung, die Lausch 2007 im rechten Unterarm diagnostiziert worden ist.

Der Umgang damit: Sie musste ihre Karriere als Profisportlerin beenden. Annika Lausch ist zweimalige deutsche Meisterin im Rudern, war bei drei Weltmeisterschaften. Und muss aufhören – ein Jahr vor Olympia in Peking.

"Das hat mein ganzes Leben verändert und mir den Boden unter den Füßen weggerissen", sagt sie. Ihre erste Therapie scheitert. "Ich habe dann eine Sportsucht entwickelt und bin von da in die Bulimie reingerutscht."

Es kommen Lebensereignisse dazu, die ihre Probleme potenzieren. Sie weiß nicht, was sie mit ihrem Leben anfangen soll, fühlt sich haltlos – und rutscht weiter in die Sucht. Sucht nach Sport, der Kontrolle über ihren Körper. Nach Essen, ohne zunehmen zu müssen.

Sie beginnt, Essen zu klauen. "Das ist bei vielen so, weil man es sich einfach nicht leisten kann, jeden Tag für 100 Euro Essen zu kaufen. Da bilden sich kleptomanische Züge, weil es dir vollkommen wurscht ist, vielleicht ins Gefängnis zu kommen. Wie bei einem Drogenabhängigen, der sein Suchtmittel braucht."

Die Funktion der Bulimie ist bei Lausch vor allem die Gefühlsregulation. "Für mich war das: raus aus dem, womit ich nicht umgehen kann, und einfach nichts mehr spüren. Durch das Ess-Brech-Verhalten habe ich das sehr gut getötet."

"Wenn ich heute entspannen möchte, dann koche ich"

Begriffen hat sie das alles erst viel später. Auch, dass sie es alleine nicht schafft, die Bulimie in den Griff zu bekommen, sobald sie wieder im Alltag ist – und dass das nicht schlimm ist.

Aus dem dritten Klinikaufenthalt heraus bewirbt sie sich bei der Münchner Organisation Anad für einen Platz in einer therapeutischen Wohngruppe – und bekommt ihn. Danach lebt sie drei Jahre in betreutem Einzelwohnen, macht eine Ernährungstherapie, führt Gespräche mit einer Sozialpädagogin und dem Psychotherapeuten Andreas Schnebel, der sie auch heute noch betreut.

Das Thema Essen hat sich für sie gewandelt: "Ich koche!", sagt sie und grinst breit. "Wenn ich entspannen möchte, dann koche ich. Ich bin jetzt ein befreiter, fröhlicher Esser." Sport macht sie auch wieder. Aber nicht als Leistungsabfrage, sondern als Hobby. "Ich gehe mit Freunden in die Berge oder wir bauen ein Floß und schauen, ob es schwimmt."

In diesem Frühjahr hat sie ihr Studium beendet: Soziale Arbeit, mit einer Erweiterung für psychische Erkrankungen. Sie arbeitet jetzt im sozialpsychiatrischen Bereich – auch mit Menschen, die Essstörungen haben. "Ich freue mich, dass ich helfen kann", sagt Annika Lausch. "Ich sehe es als Stärke, die Bulimie überwunden zu haben – nicht als Schwäche, dass ich sie hatte."

Was sind Essstörungen?

Etwa ein Fünftel aller Elf- bis 17-Jährigen in Deutschland zeigen bereits erste Anzeichen eines gestörten Essverhaltens, so eine Studie des Robert Koch Instituts.

Bei Magersüchtigen beherrscht das Thema Gewicht den gesamten Alltag. Um immer weiter abzunehmen, stellen sie das Essen weitgehend ein und treiben häufig auch extrem viel Sport.

Neben der Magersucht (Anorexie) gibt es noch weitere Essstörungen – dazu gehören Bulimie und die Binge-Eating-Störung. Bulimiker essen in kurzer Zeit teilweise extrem große Mengen. Um die Kalorienzufuhr rückgängig zu machen, lösen sie danach selbst Erbrechen aus – um dann wieder zu essen. Dieser Kreislauf kann Stunden dauern.

Essattacken kennzeichnen auch die Binge-Eating-Störung, nur werden dabei die Attacken nicht gewissermaßen wieder ungeschehen gemacht. Die Betroffenen sind deshalb häufig übergewichtig.

 

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