"Angehörige kommen zu nichts anderem mehr" VdK-Landesvorsitzende über Pflege daheim

Ulrike Mascher ist Landesvorsitzende des Sozialverbands VdK Bayern. Foto: Mascha Brichta/dpa/AZ

Die Landesvorsitzende des Sozialverbands Bayern, Ulrike Mascher, spricht im AZ-Interview über Pflege daheim und Überlastung.

AZ: Frau Mascher, laut dem Report der Barmer Gesundheitskasse klagen viele daheim Pflegende über zu viel Bürokratie bei der Beantragung von Leistungen. Ist das das größte Problem?
ULRIKE MASCHER: Das ist sicher eine große Hürde. Aber das viel größere Problem ist überhaupt jemanden zu finden, der die Leistung erbringt. Der zum Beispiel Kurzzeitpflege anbietet, hauswirtschaftliche Hilfe, oder Tagespflege. Laut Pflegeversicherungsgesetz haben Sie Rechtsanspruch, finden aber niemanden.

Viele pflegende Angehörige fühlen sich so stark belastet, dass sie die Pflege einstellen wollen. Warum?
Viele klagen über mangelnden Schlaf, viele sind mit der Pflege fast den halben Tag beschäftigt und kommen zu nichts anderem. Sie reduzieren ihre Erwerbstätigkeit oder sie geben sie ganz auf und geraten in eine immer stärkere Isolation.

Viele trauen sich die Pflege eines Angehörigen auch gar nicht zu. Was raten Sie?
Es wäre gut, wenn es auch in Bayern in jedem Landkreis und in jeder kreisfreien Stadt einen Pflegestützpunkt gibt, wo Hilfen aufgezeigt werden. Dann gibt es Pflegekurse, etwa von Krankenkassen oder Sozialverbänden, wo ich bestimmte Dinge lernen kann, etwa, wie man jemanden aus dem Bett hebt.

Das würde dann auch bestimmten gesundheitlichen Problemen, etwa Rückenschmerzen, vorbeugen.
Richtig. Ausschließen kann man eine Belastung aber nicht. Gerade deshalb ist es ja wichtig, dass Sie als pflegender Angehöriger mal Urlaub machen.

Wie schwierig ist das in der Realität?
Angenommen, Sie wollen als Erwerbstätiger im April Urlaub machen und wissen, ich brauche dann einen Kurzzeitpflegeplatz. Wenn Sie jetzt anrufen, wird Ihnen gesagt: Rufen Sie mal kurz vorher an, vielleicht ist ein Bett frei. So können Sie nicht planen.

Die bayerische Staatsregierung hat insgesamt 500 neue Kurzzeitpflegeplätze angekündigt. Ist das genug?
Angesichts über zwei Millionen pflegender Angehöriger scheint mir das viel zu wenig.

Wo muss man aus Ihrer Sicht zuerst ansetzen?
Ein wichtiger Punkt ist die unabhängige Beratung aus einer Hand, Stichwort Pflegestützpunkt. Im Gesetz vorgesehene Hilfsangebote müssen tatsächlich vorhanden sein. Und drittens – weil viele pflegende Angehörige ihre Erwerbstätigkeit reduzieren – stellt sich die Frage: Wovon werden sie im Alter leben? Hier wäre es dringend notwendig, dass die häusliche Pflege gleichgestellt wird mit den Leistungen, die es schon bei der Kindererziehung gibt.

 

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