Angebliche Schmerztherapie Falscher Arzt: 88-facher Mordversuch mit Stromschlägen

Der Angeklagte verbirgt sein Gesicht. Foto: Sven Hoppe/dpa

Es ist eine angebliche Studie zur Schmerztherapie: Ein falscher Arzt bringt seine Opfer teilweise dazu, in die Steckdose zu fassen – und beobachtet das live per Internet.

 

München - Der Mann mit der einfachen schwarzen Brille und dem schwarzen Kapuzenpullover auf der Anklagebank des Landgericht München II wirkt trotz seiner 30 Jahre noch eher bubenhaft. Das mag auch daran liegen, dass gleich neben ihm seine Mutter auf der Anklagebank Platz genommen hat. Sie wurde als gesetzliche Betreuerin ihres Sohnes eingesetzt, der inzwischen vorläufig in der Psychiatrie untergebracht wurde.

Staatsanwalt Matthias Braumandl wirft dem Würzburger IT-Experten versuchten Mord in 88 Fällen vor. Laut Anklage in mittelbarer Täterschaft, denn David G. setzte seine Opfer nicht selbst unter Strom, sondern brachte sie dazu, sich selbst Stromschläge zu versetzen.

Stromschläge mit bis zu 230 Volt: Jüngstes Opfer war 13 Jahre alt

Wie ihm das gelang? Der 30-Jährige gab sich seit 2013 im Internet als Arzt oder Professor aus, der für die Universität eine Studie zur Wirkung von Stromschlägen in der Schmerztherapie erarbeite. Seinen Opfern, die Mini-Jobs suchten, bot er Geld, wenn sie sich an den Experimenten beteiligten.

Die getäuschten Mädchen und jungen Frauen – das jüngste Opfer war 13 Jahre alt – schnitten daraufhin Stromkabel ab und hielten sie an ihre Füße, klebten sich Elektroden an die Schläfe, steckten Nägel in Steckdosen oder fassten an Elektrozäune. Die selbstverabreichten Stromschläge hatten eine Stärke bis zu 230 Volt.

Mittels dem Videotelefondienst Skype verfolgte David G. die "Experimente" mit den lebensgefährlichen Stromschlägen. Um sich zu erregen, glaubt Braumandl: "Sowohl die Zufügung von Schmerzen mittels elektrischem Strom, als auch nackte Füße an sich sowie Fesselungen sind ein Fetisch des Angeschuldigten." Die Videochats, zeichnete er auf – auch, um sie im Darknet verkaufen zu können.

Verteidiger gehen beim Täter von Asperger-Syndrom aus 

Es gebe sogar Fälle, in denen die Eltern der Mädchen bei den angeblichen wissenschaftlichen Versuchen geholfen haben. Ein Vater, so heißt es in der Anklage, versetzte seiner Tochter Stromschläge mit einem Elektroschockgerät.

Die Verteidigung geht nach Informationen der "Main-Post" davon aus, dass der Angeklagte psychisch krank ist und das Asperger-Syndrom hat. Es habe sich demnach um den "Versuch eines Kranken gehandelt, mit der Umwelt zu kommunizieren". Zur Verteidigererklärung mussten die Zuhörer den Gerichtssaal verlassen. Der Vorsitzende Richter Thomas Bott begründete den Ausschluss damit, dass es um das "Sexualleben" des Angeklagten und "intime Wünsche" gehe.

Die Sache war aufgeflogen, als eine 16-Jährige Anzeige erstattete. Laut Polizei hatte der Mann bei den Verhören im vergangenen Jahr ein "Teilgeständnis" abgelegt. Der Prozess dauert an.

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