Andreas Englisch im AZ-Interview Papst Franziskus: Der barmherzige Sprengmeister

Der Argentinier Jorge Mario Bergoglio wurde 2013 zum Papst gewählt. Foto: dpa

"Der Kämpfer im Vatikan. Papst Franziskus und sein mutiger Weg": Der Experte Andreas Englisch stellt am Freitag sein Papstbuch vor. Der 52-jährige Vatikan-Korrespondent aus Westfalen arbeitet für den Springer-Konzern und schrieb Bestseller über die letzten drei Päpste.

 

Rom - Hinter den Vatikanmauern tobt ein Machtkampf. Mit der Wahl des Argentiniers Jorge Mario Bergoglio ist ein neuer Geist ins Machtzentrum der katholischen Kirche eingezogen. Vatikan-Experte Andreas Englisch hat mit seinem Buch darüber Bestsellerlisten erobert.

 

AZ: Herr Englisch, Sie behaupten, dass Franziskus in seiner letzten Weihnachtsansprache eine Bombe platzen ließ.

ANDREAS ENGLISCH: Ich glaube, das war die härteste Rede, die ein Papst seit 500 Jahren vor der Kurie gehalten hat. Er griff sie persönlich an und bezichtigte sie, dass sie an "spirituellem Alzheimer" leiden würde, und er klagte sie an, eine eigensüchtige, ja verbrecherische Bande zu sein.

 

Gibt es im Vatikan wirklich ein Netz der Korruption? Hat der Vatikan lukrative Geschäfte mit italienischen Adeligen und der Cosa Nostra betrieben?

Es hat eine akribische Untersuchung gegeben, die das bestätigt. Es hat einen Verantwortlichen gegeben, der wurde, weil er Schwarzgeld in Koffern – 20 Millionen Euro in bar – aus der Schweiz in die Vatikanbank schmuggeln wollte, verhaftet und musste ins Gefängnis. Es hat klare Nachweise gegeben.

 

Stimmt es, dass seit der Weihnachtsrede dem Papst eine Woge der Ablehnung im Vatikan entgegenschlägt?

Ja. Es war klar, dass, wenn man seine eigene Mannschaft in die Pfanne haut, diese davon nicht begeistert ist. Es ist auch richtig, dass es mittlerweile viele Mitglieder der Kurie, also der Vatikan-Regierung, gibt, die den Papst äußerst kritisch sehen und sagen, was Franziskus macht, das ginge zu weit.

 

Woran sieht man das?

Man merkt das etwa in kritischen Äußerungen. Der Präfekt der Glaubenskongregation, der ehemalige Regensburger Bischof Müller, hat bei der letzten Synode zum Thema Familie offen gesagt, dass der Streit mit dem Papst so groß ist, dass er ein Schisma, also eine Kirchenteilung, fürchtet – wie es z. B. zur Entstehung der evangelischen Kirche geführt hat.

 

Sie weisen nach, dass Teile der Kurie gegen Franziskus aufbegehren und intrigieren.

Es gibt zwei Kritikpunkte gegen Franziskus: Der wichtigste ist, dass der Papst entschieden betont, dass Gott immer vergibt. Im Dezember beginnt das Jahr der Barmherzigkeit, das der Papst eigens eingerichtet hat. Und dieses Jahr der Barmherzigkeit höhlt nach Ansicht seiner Kritiker die katholische Kirche aus. Seine Kritiker entgegnen: Wie kannst Du so etwas sagen, wenn wir 2000 Jahre lang behauptet haben, dass Gott nichts vergibt. Wenn Du Dich nicht an die Regeln hältst, wenn Du nicht beichtest, nicht zur Kommunion und nicht regelmäßig in die Kirche gehst und Sex außerhalb der Ehe hast, dann vergibt Dir Gott überhaupt nichts. Und wenn jetzt der Papst kommt und sagt, Gott ist immer barmherzig, dann befürchten seine Kritiker, dass sich die Menschen fragen werden, wozu sie dann noch eine Kirche brauchen. Ihm wird vorgeworfen, dass er die Kirche innerlich schwächt.

 

Und was ist der zweite Punkt?

Der zweite Punkt ist, dass die "grüne" Enzyklika "Laudato si" eine heftige Kapitalismus-Kritik enthält. Franziskus sagt, dass das kapitalistische System die falschen Waren produziere und in seiner jetzigen Form unseren Planeten ruiniere. Das klingt für viele fast wie ein kommunistisches Manifest.

 

Herrscht hinter den Kulissen also eine Art "Krieg"?

Krieg finde ich übertrieben – gemessen an dem, was in Paris passiert ist. Es werden ja keine Leute erschossen. Aber es handelt sich um eine extrem heftige Auseinandersetzung, in der es darum geht, in welcher Form die katholische Kirche in Zukunft fortbestehen wird.

 

Wer sind die Feinde?

Das sind die Hardliner. Diesen Streit gibt es in der katholischen Kirche übrigens schon lange. Es gibt eine Gruppe, die sagt, die katholische Kirche müsse kleiner werden: Eine Verkleinerung von einer Milliarde Katholiken auf jene 100 Millionen Kirchentreuen, die sich wirklich an die Gebote halten. Und mit den ganzen Taufschein-Christen, die nur so tun, als seien sie Christen, sich aber an nichts halten, mit denen möchten sie nichts mehr zu tun haben. Der Papst sagt hingegen: Wir sind eine Kirche für alle. Bildlich gesprochen: Wir sind keine Burg, die die Zugbrücken hochzieht.

 

Der Papst hat aber nicht nur Feinde, sondern auch Freunde und Förderer.

Es gibt 90 Wahlkardinäle, die nur nach Rom kommen, wenn der Papst gewählt wird. Und es gibt 30 Kurienkardinäle, die die Kirche regieren. Und die Wahlkardinäle haben gesagt, es ist in Rom so viel Mist passiert, wir brauchen deshalb eine radikale Lösung. Und die radikalste Lösung war Jorge Mario Bergoglio. Das war der einzige Bischof, der sich mit dem Vatikan über 10 Jahre hinweg extrem angelegt hatte. Dieser Konflikt war so heftig, dass der Nuntius, also der Botschafter des Vatikans, sich weigerte, Bergoglio die Hand zu geben, und sich dann auch Bergoglio weigerte, dem Nuntius die Hand zu geben. Das ging so weit, dass der eine das Zimmer verlassen hat, wenn der andere hereinkam. Es war also klar: Wenn die Wahlkardinäle sich für Bergoglio entscheiden, gibt es ein großes Reinemachen.

 

Andreas Englisch: "Der Kämpfer im Vatikan. Papst Franziskus und sein mutiger Weg" (Bertelsmann, 384 S. 19,99 Euro).

Freitag: 19 Uhr, Gasteig, Carl-Orff-Saal, 12 Euro, Tel 54 81 81 81 oder Abendkasse

 

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