Andrea Hölzel vom "Weißen Ring" Häusliche Gewalt: Warum die Hilferufe weniger werden

Kommt es in diesen Tagen zu Übergriffen in den eigenen vier Wänden, bleibt das oftmals im Verborgenen – das fürchten Experten. Foto: imago

Interview mit Andrea Hölzel vom Weißen Ring München. Sie befürchtet, dass jetzt viele Fälle von Gewalt daheim unentdeckt bleiben. Trotz Homeoffice ist ihr Team erreichbar – ihre Tipps gegen Eskalation.

 

MünchenAZ-Interview mit Andrea Hölzel: Sie leitet die Außenstelle des Weißen Rings in München. Die Organisation hilft Opfern von Gewalt.

AZ: Frau Hölzel, wie viele Anrufe von Opfern bekommen Sie beim Weißen Ring momentan pro Tag?
Andrea Hölzel: Es ist Wahnsinn: Normal habe ich zehn bis 30 Anrufe pro Tag. Im Moment ist es viel, wenn ich zwei Anrufe erhalte.

Die Zahl ist zurückgegangen?
Seit wir die Ausgangsbeschränkung haben, ist es wie abgeschnitten. Nicht nur bei mir, sondern auch in anderen Außenstellen um München herum.

Warum?
Ich gehe davon aus, dass die Frauen, die wegen häuslicher Gewalt kommen, jetzt keine Chance haben, sich zu melden. Denn der Partner ist dauerhaft zu Hause. Je nach Kulturkreis hat auch nicht jeder ein eigenes Handy. Ich denke, wir werden eine riesige Welle bekommen, wenn die Ausgangsbeschränkung vorbei ist und die Menschen wieder zur Arbeit gehen oder die Männer auch mal in die Kneipe. Dann werden die Frauen Zeit und Luft haben, um sich Hilfe zu holen.

Kein Platz zum Ausweichen sorgt für Anstieg von häuslicher Gewalt

Was sind die Auslöser für diesen Anstieg von Gewalt in den eigenen vier Wänden?
Weil Menschen, die ohnehin schon nicht in einer perfekten Beziehung leben, nun gar keinen Platz mehr haben auszuweichen. Wenn der Partner in normalen Zeiten schon nervt und man sich nichts zu sagen hat, kommt jetzt dazu, dass man zusammen in einer vielleicht kleinen Wohnung sitzt und dann möglicherweise auch noch kleine Kinder da sind – je nach Charakter eines Menschen kann er dann ausrasten. Die momentane Situation bringt in schlechten Beziehungen nochmal das Schlechteste nach oben.

Am meisten machen Sie sich also Sorgen um diejenigen, die schon Eheprobleme hatten?
Ja. Bei allen Familien, bei denen schon Gewalt in der Ehe da war. Das wird jetzt eskalieren. Es werden vielleicht noch Fälle dazu kommen, bei denen der Partner mal ausflippt. Aber in den meisten Fällen von häuslicher Gewalt ist es eine Dynamik, die es in der Beziehung schon immer gegeben hat.

Die Frauen machen nichts falsch, fühlen sich aber sehr oft schuldig. Sätze wie "Wenn ich das doch aufgeräumt hätte" oder "Wenn ich nicht widersprochen hätte" fallen häufig. Aber: Kein Mann hat das Recht, seine Frau zusammenzuschlagen. Wir hatten schon Frauen, die krankenhausreif zugerichtet wurden – jetzt kommen solche Opfer nicht ins Krankenhaus, weil die Täter sie nicht gehen lassen werden.

"Sie stehen definitiv nicht alleine da"

Wie fühlt sich das für Sie an?
Ich fühle mich machtlos. Wir haben aber weiterhin alle unsere Telefone, wir sind alle normal zu erreichen – trotz Homeoffice.

Was möchten Sie Betroffenen auf diesem Weg sagen?
Man kann immer gehen, es wird einem immer geholfen. Sie stehen definitiv nicht alleine da. Wenn alle Stricke reißen, sollen die Frauen zu Hause sagen: Ich gehe mit den Kindern ein bisschen spazieren – und dann sofort zur Polizei.

Wir reden die ganze Zeit von Frauen als Opfer. Wie schätzen Sie die Gewalt gegen Männer ein?
Es sind ganz wenige Männer, die zu uns kommen. Die Schamgrenze ist noch zu hoch. Ich bin aber überzeugt, dass es auch solche Fälle gibt. Vielleicht nicht so viele, weil das Kräfteverhältnis zwischen Mann und Frau anders ist. Aber es gibt auf jeden Fall auch männliche Opfer.

Wie schätzen Sie die Situation aktuell in Flüchtlingsunterkünften ein?
Dort ist es natürlich wahnsinnig schwer und es gibt nicht viele Ausweichmöglichkeiten. Betroffene können zum Beispiel zum Leiter der Unterkunft gehen. Ein Kollege aus Fürth hat mir vergangene Woche erzählt, dass sie jetzt schon bei Hotels und Pensionen anfragen, ob sie Zimmer anmieten können – für Frauen, die gar keinen Ausweg mehr wissen.

Tipps zur Deeskalation

Haben Sie Ratschläge: Wie vermeidet man, dass sich Frustration daheim aufbaut?
Ich verstehe, dass es mit Kindern nervig werden kann, aber das Wetter ist gut. Man kann einen Ball nehmen und mit ihnen draußen spielen. Zum Beispiel. Rausgehen, Spiele machen, basteln – so kommt bei den Kindern und auch den Eltern kein Frust auf.

Was hilft, bezogen auf den Partner, damit man sich nicht auf die Nerven geht?
Man kann vereinbaren, dass der eine Partner eine Stunde morgens mit den Kindern nach draußen geht, der andere eine Stunde nachmittags oder abends. Damit hat jeder einmal Luft für sich – auch der, der zuhause ist. Deeskalieren kann in dem Sinne sein, dass man sich für eine Zeit aus dem Weg geht.

Wie viel Frustration in der aktuellen Zeit ist noch "normal" und wo ist die Grenze?

Die Grenze ist, wenn es zu psychischem oder körperlichem Missbrauch kommt. Wenn man seinen Partner mal anschreit und sagt: "Ich bin froh, wenn ich dich ein paar Tage nicht mehr sehe" ist das was anderes, als wenn man körperlich gewalttätig wird.

Andrea Hölzels Wünsche an die Politik

Wie lange halten wir die Ausgangsbeschränkungen durch, ohne eine starke Zunahme an häuslicher Gewalt?
Ich denke, die häusliche Gewalt hat jetzt schon sehr zugenommen. Je länger es anhält, desto mehr wird sie steigen. Auch Kindesmissbrauch. Aber ich bin dennoch der Meinung, die Maßnahmen dürfen erst beendet werden, wenn die Krankenhäuser alle Patienten entsprechend versorgen können. Die "positive" Seite der Corona-Regeln übrigens: Andere Taten, die wir sonst betreuen, bleiben nun aus – wie Vergewaltigung in Zusammenhang mit K.-o.-Tropfen, nächtliche Vergewaltigungen von Frauen, Schlägereien in Kneipen.

Haben Sie Vorschläge oder Wünsche an die Politik, wie man jetzt häusliche Gewalt besser verhindern könnte?
Leider nein, dafür müsste man den Menschen ändern. Wichtig wäre, dass Straftaten intensiver verfolgt und Verfahren nicht eingestellt werden, wenn eine Nase gebrochen wurde, oder auch bei Vergewaltigung in der Ehe. Ich wünsche mir, dass diese Dinge nicht als Lappalie abgetan werden. Nicht nur jetzt.


Opfer von Gewalt können sich an die Hotline des Weißen Rings München wenden unter 0151/551 64 687

Lesen Sie hier: Familien auf engem Raum - Sorge vor häuslicher Gewalt wächst

Lesen Sie hier: Giffey - Mehr häusliche Gewalt vor allem in Städten

 

1 Kommentar

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading