Analphabetismus in Deutschland 7,5 Mio. können nicht richtig lesen und schreiben - ein Betroffener erzählt

Bei einem Aktionstag im Gasteig geht es um Analphabeten in Deutschland. In der AZ erzählt Uwe Boldt, wie er den Kampf mit den Buchstaben aufgenommen hat

 


MÜNCHEN Uwe Boldt ist ein friedliebender Mensch. Menschen, die den Mann mit der gemütlichen Statur kennen, loben seine Zuverlässigkeit und seine Einsatzbereitschaft. Nur in einem Lebensbereich führt er seit Jahrzehnten einen erbitterten Kampf: Wenn es ums Lesen und Schreiben geht. „Mit Buchstaben stehe ich auf Kriegsfuß, und daran wird sich in meinem Leben wohl auch nichts mehr ändern”, sagt der 53-Jährige.

Uwe Boldt ist einer von 7,5 Millionen Deutschen, die nicht richtig lesen und schreiben können. Es ist die Gruppe der funktionalen Analphabeten, die zwar eine Schule besucht haben. Die aber, so Unicef, „die gesellschaftlichen Mindestanforderungen an die Beherrschung der Schriftsprache, deren Erfüllung Voraussetzung zur Teilnahme an schriftlicher Kommunikation in allen Arbeits- und Lebensbereichen ist”, nicht erfüllt. Gesellschaftliche Partizipation? Fehlanzeige!

Allein in Bayern gehören eine Million Menschen zu dieser Gruppe. Um auf ihre Bedürfnisse aufmerksam zu machen, findet am Dienstag im Gasteig der Aktionstag „Lesen und Schreiben – Mein Schlüssel zur Welt” statt. Eine Ausstellung, Videos und Plakate sollen das Thema ins Bewusstsein rücken.

Auch von Uwe Boldt gibt es im Gasteig ein Video. Dabei ist es keine Selbstverständlichkeit, dass der Hamburger so offen über seine Schwäche spricht.

Bis er 45 Jahre alt war, führte er ein Versteckspiel. Seine große Schwäche: das Schreiben. Zwar kam er ohne die Tricks mit der verstauchten Hand oder der vergessenen Brille aus, doch er lernte, sich „durchzumogeln”.

Gut erinnert er sich an die Besuche bei neuen Ärzten. „Wenn ich ein Formular ausfüllen sollte, nahm ich das Papier mit nach Hause.” Selbst sein Name bereitete ihm Schwierigkeiten. Für Überweisungen auf der Bank ließ er sich von seiner Frau Spickzettel schreiben. Dann nahm er die Buchstaben nicht als Buchstaben wahr, nur das Schriftbild. Bei Behördengängen legte er sich seinen Personalausweis neben das Formular und zeichnete alles Linie für Linie nach. Ob ihn jemals jemand blöd angemacht hätte? „Ich habe mir immer die hinterste Ecke gesucht, damit mir bloß keiner über die Schulter schauen konnte.” Lauter Manöver, die das Leben beeinflussen. „Ich war verdammt zum Duckmäuserischen”, sagt er. Ein Leben in der zweiten Reihe. Bloß nicht auffallen. „Man versucht, nur die Arbeit zu machen, die nicht mit Schreiben und Lesen zu tun hat.”

Dabei hat Arbeiten immer zu seinem Leben gehört. So wie für die meisten Analphabeten. Seit 1977 ist Boldt am Hamburger Hafen beschäftigt. Durch die Schule hatte er es irgendwie geschafft, war nur einmal sitzen geblieben. „Damals war mir meine Schwäche gar nicht bewusst”, sagt er. „Man gesteht sich das einfach nicht ein.”

Warum Buchstaben für ihn einen solchen Kampf bedeuten kann er nur vermuten. Gut möglich, dass es am Grundschullehrer lag, der selbst kurz vor der Pension stand und wenig Elan zeigte, die 32 Schüler gut auszubilden. „Ich bin mehr oder weniger untergegangen”, sagt Boldt. Förderung, wie es sie heute gibt, habe er nicht erlebt. Mit 20, sagt er, wäre es ihm sicher leichter gefallen, Schreiben und Lesen zu lernen. Aber damals war er noch nicht soweit. Dafür musste er 46 werden. Und erleben, dass es auch in seinem Beruf ohne „Papierkram” immer weniger geht. Es gab keine Ausflüchte mehr. Er buchte einen VHS-Kurs.

Zwei Jahre später, nach 20 Jahren als Mitarbeiter im Hamburger Hafen, ließ er öffentlich die „Bombe platzen”. Ein Filmteam hatte sich angekündigt, ihn am Arbeitsplatz zu begleiten, neugierig fragten seine Kollegen nach dem Inhalt. Und plötzlich packte Boldt aus: „Ich kann nur sehr schlecht lesen und schreiben.” Die Kollegen konnten’s nicht glauben. Aber es ergab Sinn. Klar, Boldt hatte zum Beispiel nie eine Bewerbungsmappe gebraucht, weil er sich von einem Bereich in den nächsten hochgedient hatte. Den Führerschein bestand er nur, weil er die Antworten auf dem Fragebogen ankreuzen musste.

Seitdem das Versteckspiel vorbei ist, hat Boldt viel Selbstvertrauen hinzugewonnen. Heuer wurde ihm der Titel „Botschafter für Alphabetisierung” verliehen, im Job kümmert er sich um Kollegen mit ähnlichen Schwächen. Auf Veranstaltungen redet er mit Politikern über die Anliegen von Analphabeten und trägt seine Forderung vor: „Über Analphabetismus muss mehr geredet werden. Auch Firmen sollten Menschen einstellen, die schlecht lesen und schreiben können. Wir Analphabeten sind ja nicht dumm.”

Heute steckt Boldts Leben voller Dinge, für die ihm früher der Mut gefehlt hätte. Das gilt auch fürs Private, wie eine Anekdote beweist. Einige Zeit nach seinem ersten Kurs reiste er als Buchstaben-Botschafter nach Belgien. „Ich habe dort so viel erlebt, das hat gar nicht mehr in meinen Kopf gepasst”, erzählt er. Also schrieb er es auf. In fünf Tagen kam er auf neun Seiten Tagebuch. Auf der zehnten Seite schrieb er einen Liebesbrief an seine Frau. „Das war ein großartiges Gefühl.”

Info: Die Ausstellung "Lesen und Schreiben - Mein Schlüssel zur Welt" ist noch bis 16. Dezember im Gasteig zu sehen.


 

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