Ambulant betreute Wohngemeinschaften Gemeinsam wohnen im Alter

Gemeinsam kochen, ratschen oder sich einfach nur ausruhen: In einer Pflege-WG kann jeder das tun, was für ihn am besten ist. Foto: dpa

Das Leben im Alter muss nicht einsam sein. Wohngemeinschaften für Pflegebedürftige bieten eine gesellige und selbstbestimmte Alternative zu Heimen.

 

München - Günstigere Mieten, mehr Geselligkeit, aber eben auch Knatsch um Abwasch und Haushaltsdienste: Trotz aller Höhen und Tiefen sind Wohngemeinschaften für Studenten nach wie vor beliebt. Aber nicht nur zwischen Proseminar und Abschlussprüfung kann das Zusammenwohnen sinnvoll sein. Immer mehr ältere, pflegebedürftige Menschen verbringen ihren Lebensabend in WGs – betreuten WGs. Wie die Studenten teilen sie sich hier Bad, Küche und Gemeinschaftsraum, aber eben auch den Pflegedienst.

Seit 2000 gibt es Pflege-WGs in München. Maximal zwölf Menschen leben dort zusammen und werden rund um die Uhr betreut. Wer dort wohnt, ist unterschiedlich: Es gibt Heime speziell für Demenzpatienten, Intensivpflegepatienten oder gemischte Gruppen. Ein Pflegedienst sorgt dafür, dass die Patienten gut versorgt werden.

Pflege-WGs sind keine Nische mehr

35 WGs gibt es in München, vor allem in den stadtrandnahen Vierteln. Im bayerischen Vergleich kann sich das sehen lassen. Trotzdem schielt man bei der Stadt neidisch gen Norden, nach Berlin. Dort gibt es rund 200 solcher Projekte. Aber auch im Süden kommt diese Wohnform an. „Es ist keine Nische mehr“, sagt Lisa Schwägerl vom Amt für Soziale Sicherung. Für WGs gebe es inzwischen einen echten Markt mit immer mehr Anbietern.

Wichtig bei allen Wohngemeinschaften: Die WG ist nicht einfach ein Pflegeheim im kleineren Maßstab. Die meisten WGs werden zwar von Vereinen und Pflegediensten initiiert, trotzdem gibt es, anders als bei Heimen, keinen Träger. Selbstbestimmung steht im Zentrum. Der Pflegedienst kommt täglich, ist aber nur Gast. Was in den Wohnungen geschieht, entscheiden die Bewohner oder ihre Angehörigen.

Ein Gremium aus Angehörigen bestimmt mit

Das funktioniert so: Wer einziehen will, schließt einen Mietvertrag über die anteiligen Gemeinschaftsräume und sein eigenes Zimmer ab. In seltenen Fällen gibt es auch Gemeinschaftsmietverträge. Ein Gremium der Angehörigen spricht dann ab, wie die WG organisiert werden soll. Das können einfache Fragen sein, wie: Kaufen wir einen Christbaum? Aber auch wichtige Fragen wie: Welcher Pflegedienst wird engagiert? Wie soll dieser seine Leistungen abrechnen? Dabei gibt es verschiedene Modelle.

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Der Verein Wohlbedacht etwa hat drei Demenz-WGs in München, eine in Allach (zehn Bewohner) und zwei in Riem (jeweils acht Bewohner). In einer großen Küche wird Essen gekocht, vom Balkon aus schaut man ins Grüne. Einen streng geregelten Alltag wie in einem Heim gibt es nicht: Die Bewohner haben ihr Zimmer, stehen auf, wann sie möchten, können am Gemeinschaftsleben teilnehmen, müssen aber nicht. „Weil es eine kleine Gruppe ist, können die Pfleger auf jeden eingehen“, sagt Sonja Brandtner von Wohlbedacht. Abgerechnet werden nur erbrachte Leistungen, wie beim klassischen ambulanten Pflegedienst.

Wie bei Studenten, nur für Senioren

Beim Pflegeservice München ist das anders. In der 6er-WG Großhadern und der 9er-WG in Ottobrunn gibt es eine Pflegepauschale von 1900 Euro pro Monat. Von der Pflegeleistung abgesehen, seien die Alten-WGs fast genau wie die von Studenten, sagt die Leiterin Kristina Butorac. Es gibt leise und laute Bewohner, manchmal Streit, aber auch Liebe: Zwei ihrer Patienten hätten sich gerade verliebt, erzählt Butorac. Die Angehörigen finden das weniger lustig, aber auch das gehört zur Selbstbestimmung, sagt die 40-Jährige.

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Sie schätzt die WG als Wohnform: „Als Angehöriger habe ich ein Mitspracherecht, und die Pfleger haben Zeit.“ Wer bei ihr einziehen möchte, der darf zum Kaffee vorbeikommen und sich das Ganze anschauen. Denn die WGs sind nicht für jeden sinnvoll: „Interesse, Offenheit, und Vertrauen“ müsse man mitbringen, sagt Butorac – und Flexibilität, fügt sie nach kurzem Nachdenken hinzu.

Die Plätze sind begehrt

Das scheinen viele mitzubringen. „Die Plätze sind erfahrungsgemäß fast immer belegt“, sagt Schwägerl vom Amt für Soziale Sicherung. Die Stadt fördert neue Projekte finanziell, aber das Angebot bleibt kleiner als die Nachfrage. Und dass, obwohl die WG nicht gerade billig ist. Die Kosten liegen je nach Pflegestufe bei gut 1000 bis 2000 Euro.

Dazu kommt, dass die gesetzlichen Regelungen noch hinterherhinken. Für die WG zahlen neben den Bewohnern selbst die Kranken- und Pflegekassen, bei Bedürftigkeit der Sozialhilfeträger. Aber wer genau was zahlen muss, ist nicht immer klar. Deshalb müssen sich Angehörige oft durchbeißen.

Doch selbst das passt in gewisser Weise ins Konzept der betreuten WGs. Damit sie funktionieren, braucht es vor allem eins, hat Schwägerl beobachtet: „Aktive Angehörige, die sich engagieren.“

 

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